Der Sohn als Notlage

Ein 55-Jähriger verstößt gegen das Hausverbot bei seiner Mutter

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Ein 55-Jähriger verstößt gegen das Hausverbot bei seiner Mutter: Bewährungsstrafe.

Landsberg – Weil er sich trotz Hausverbot in den Räumen seiner Mutter aufhielt, ist ein 55-Jähriger zu einer Freiheitsstrafe von drei Monaten verurteilt worden. Der damals arbeitslose Mann war im Januar bei der pflegebedürftigen 88-Jährigen in ihrem Haus in Landsberg angetroffen worden. Vor dem Amtsgericht behauptete er jetzt, dass er der Mutter in einer Notlage habe helfen wollen.

Dass Richter Michael Eberle ihm das nicht abkaufte, erklärt sich aus der Vorgeschichte – und der Aussage einer Pflegekraft, die an dem fraglichen Tag hinzukam. Das Hausverbot gegen den Mann besteht bereits seit fünf Jahren. Es soll verhindern, „dass Sie sich weiter an Ihrer Mutter festsaugen und alle anderen Betreuungspersonen ausschließen“, wie Eberle sagte. Offenbar hatte es in der Vergangenheit mit dem Sohn immer wieder Ärger gegeben – bis sich sämtliche Hilfskräfte schließlich weigerten, die Seniorin weiter zu betreuen. Solange der Sohn da war, habe es für die Mutter in ihrem Haus kein menschenwürdiges Leben gegeben, fasste Eberle zusammen.

Die alte Dame wandte sich um Hilfe an ihren Bruder, der eine Vertretungsvollmacht besitzt und vor dem Amtsgericht das Hausverbot durchsetzte. Eine Berufung des Sohnes wurde abgeschmettert. Das Landgericht Augsburg ließ sie gar nicht erst zur Verhandlung zu. Begründung: mangelnde Erfolgsaussichten.

An diesen „Zirkus“ wollte sich der ebenfalls in Landsberg lebende Angeklagte in der jetzigen Verhandlung nur noch vage erinnern. Am fraglichen Morgen des 3. Januar habe er seine Mutter durch die Terrassentür ihres Hauses auf dem Wohnzimmerboden liegen sehen und sei ihr zu Hilfe geeilt. Kurz darauf kam eine Pflegekraft hinzu, die über den Hausnotruf der Seniorin alarmiert worden war. Sie traf die alte Dame in Tränen aufgelöst an. „Sie stand neben einem unbekannten Mann, der sich als ihr Sohn vorstellte.“ Zu dessen Geschichte, dass er ihr nach einem Sturz aufgeholfen hätte, habe die alte Dame den Kopf geschüttelt. „Sie war zittrig und fertig mit den Nerven“, berichtete die Pflegerin im Zeugenstand. Sie tat das, was mit dem Pflegedienst für diesen Fall vereinbart war – sie rief die Polizei.

Richter Eberle war überzeugt, dass sich die 88-Jährige an diesem Morgen nicht in einer Notlage befunden hatte, bevor der Sohn auftauchte. „Sie waren die Notlage“, beschied er dem Angeklagten. Und selbst, wenn die Seniorin wirklich gestürzt wäre, hätte der 55-Jährige nicht gegen das Hausverbot verstoßen dürfen. „Sie hätten den Rettungsdienst rufen müssen.“

Eberle verurteilte den nicht vorbestraften Landsberger zu einer Freiheitsstrafe von drei Monaten, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt ist. Außerdem muss der Mann 100 Stunden soziale Hilfsdienste leisten. „Es liegt in Ihrer Hand, ob Sie in Freiheit bleiben oder nicht“, gab Eberle dem uneinsichtigen 55-Jährigen mit auf den Weg. Um ein Haar hätte der Mann auch noch ein Ordnungsgeld von 200 Euro aufgebrummt bekommen, weil er dem Richter bei der Urteilsbegründung ins Wort fiel.

Ulrike Osman

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