Landsberger Sommermusiken

Unbekannte Schätze zum Abschluss

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Zum ersten Mal in Deutschland zu hören: die „Dachs Studie für Streichquintett“ von Hans Rott (1858 – 1884) mit den Landsberger Sommermusikern.

Landsberg – Mit großem Jubel ist auch in diesem Jahr wieder das Ensemble Berlin um den Landsberger Oboisten Christoph Hartmann gefeiert worden, das sich zu den „Som- mermusiken“ in der Lechstadt eingefunden hatte. Und zu Recht: trotz tropischer Temperaturen, die den Musikern Höchstleistungen an Präzision und Konzentration abverlangten, konnten die Zuhörer ein weiteres Konzert auf gewohnt hohem Niveau erleben.

Im Gegensatz zum Programm des Freitagabends lud auch in diesem Jahr das Abschlusskonzert dazu ein, sich auf unbekanntere, selten oder gar nie aufgeführte kammermusikalische Schätze einzulassen. Und so begann der Abend mit einer Interpretation von Franz Krommers Oktett F-Dur für Bläser. Das 1808 entstandene Werk gilt als eines der Hauptwerke der sogenannten Harmoniemusik, die in Wien ihr Zentrum hatte und die vor allem, aber nicht ausschließlich, durch die „kayserliche Musik“ gepflegt wurde; Bläserensembles spielten für den Adel, bei Festen, bei Tisch oder gaben Ständchen bei Festlichkeiten.

Franz Krommer, 1759 als František Vincenc Kramár in Mähren geboren, war unter anderem Kammerkomponist und Kapellmeister am Wiener Hof, galt unter seinen Zeitgenossen als ernsthafter Rivale Beethovens und hinterließ mehr als 300 Werke. Das Oktett F-Dur beginnt mit einem Dreiklangthema, das durchaus Raum für kleine musikalische Überraschungen bietet. Der zweite Satz „Minuetto“ ist tänzerisch, verspielt, die Staccati bei diesen Temperaturen eine Herausforderung für die Musiker. Feierlich-getragen beginnt der dritte Satz, Hartmanns Oboe singt förmlich, begleitet vom Ensemble. Das Finale „alla polacca – auf polnische Art“ ist ein Rondo, bei dem Krommer jedem Instrument die Gelegenheit zu kleinen Soli bietet.

Eng verbunden sind die beiden nächsten Stücke, die das Ensemble Berlin ausgesucht hat: zunächst eine Studie für Streichquintett des österreichischen Musikers Hans Rott (1858 – 1884) in deutscher Erstaufführung, danach die Uraufführung des in der ersten Reihe sitzenden Enjott Schneider, der Fragmente Hans Rotts mit seiner eigenen Musik zu einer „Dunkelreise“ arrangiert hat, in deren Zentrum die tragische Gestalt Hans Rotts steht: Erst Lieblingsschüler Anton Bruckners am Wiener Konservatorium, scheiterte er an der Abschlussprüfung, da seine Komposition bei der Prüfungskommission nur Hohn hervorgerufen hatte.

Sein Hauptwerk, die Sinfonie E-Dur, wurde besonders von Johannes Brahms abgelehnt. Nachdem sein Antrag auf ein staatliches Stipendium ebenfalls keinen Erfolg hatte (woran Brahms ebenfalls einen maßgeblichen Anteil hatte), verschlimmerte sich Rotts Geisteszustand, sein latenter Verfolgungswahn brach aus. Nach einem Vorfall im Zug nach Mülhausen/Elsass, wo Rott eine Stelle als Musikdirektor antreten sollte (er hinderte einen Mitreisenden per Revolver daran, eine Zigarette anzuzünden, weil Brahms angeblich Dynamit im Zug versteckt habe), verbrachte er sein restliches Leben in einer psychiatrischen Anstalt. Er starb nach einigen gescheiterten Selbstmordversuchen mit 26 Jahren an Tuberkulose.

Enjott Schneiders Komposition zeichnet die Stationen des jungen Österreichers nach, seine Hoffnungen, Rückschläge, Einbildungen bis hin zu seinem tragischen Ende. Eine „Dunkelreise“ in die Abgründe einer gescheiterten Existenz.

Nach der Pause dann der krönende Abschluss der Sommermusiken: die Sinfonietta op. 188 für zehn Bläser von Joseph Joachim Raff (1822 – 1882). Der deutsche Komponist mit Schweizer Wurzeln galt in den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts als bedeutendster Symphoniker seiner Zeit, war mit Felix Mendelssohn und Franz Liszt verbunden und Gründungsdirektor des Hoch’schen Konservatoriums in Frankfurt am Main. Raff griff die Idee der Harmoniemusik wieder auf, fügte zu dem klassischen Bläseroktett noch zwei Flöten hinzu, was dem Gesamtklang mehr Transparenz, ja Brillanz verleiht. Raff verarbeitet in seiner Sinfonietta lyrisches, tänzerisches, pastorales, festliches und heiteres, eine echte Sommermusik.

Patricia Eckstein

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