Zielführende Provokation?

Landrat und Jugendamtsleiter erklären sich beim Inklusionsbeirat

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Die Aussagen von Landrat Thomas Eichinger und Jugendamtsleiter Peter Rasch haben hohe Wellen geschlagen.

Landkreis – „Epidemieartig“, „Jugendamt als Opfer der Inklusion“, „Andersartigkeit kann man nicht ändern“ – Aussagen von Landrat Thomas Eichinger (CSU) und Jugendamtsleiter Peter Rasch zum Thema Schulbegleiter, die ein kleines Erdbeben auslösten. Mehrere Leserbriefe gingen beim KREISBOTEN ein. Alle mit dem gleichen Tenor: Entsetzen. Auch die Vorsitzende des Inklusionsbeirats Barbara Juchem erhielt zahlreiche Anrufe. Weshalb sie eine Sondersitzung des Inklusionsbeirats einberief. Mit nur einem Tagungspunkt: Presseberichterstattung.

„Ich war entsetzt über die Wortwahl“, äußert Integrationsbeiratsmitglied Monika Groner (Grüne). Das dürfe so nicht im Raum stehen bleiben, die Wortwahl sei „nicht nur unglücklich, sondern inakzeptabel“. Wobei es ihr nicht um die Sache gehe. Die Eltern dürften die Schule ihrer Kinder frei wählen, hätten Anspruch auf einen Schulbegleiter. Die Kosten für Kinder mit seelischer Beeinträchtigung – im Gegensatz zu geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung, da ist der Bezirk zuständig – lägen beim Jugendamt. Punkt. Eine Lösung des Kostenproblems sei nur auf höherer politischer Ebene möglich.

„Ich habe das Wort ‚epidemisch‘ in Bezug auf den Anstieg der Schulbegleiter bewusst gewählt“, entgegnet Eichinger. Auch die „akzentuierte“ Wortwahl, das Jugendamt sei „Opfer der Inklusion“ seitens Rasch halte er für richtig. Er habe alarmieren wollen. Ein Begleiter für einen Schüler koste das Jugendamt 25.000 Euro pro Jahr – Kosten, die eigentlich vom Kultusministerium getragen werden müssten. Zudem halte er die Förderung eines seelisch beeinträchtigten Kindes in der Förderschule für geeigneter.

„Die Kinder mit Schulbegleiter werden oft nicht zu Geburtstagen eingeladen“, bestätigte Hans-Peter Bichler von den Offenen Hilfen Regens Wagner. Soziale Inklusion? Fehlgeschlagen. Schulbegleiter seien oft Hilfskräfte ohne pädagogische Ausbildung. Im Vergleich zur Förderschule herrsche „ein himmelweiter Unterschied“. Georg Krackhardt (UBV) zeigte sich dankbar für Eichingers und Raschs Aussagen, die er in den Medien verfolgt habe. Und die sich nur auf die rein finanzielle Seite bezogen hätten. Die große Resonanz zeige, dass man das Thema angehen müsse. Dafür wünschte sich Axel Flörke (FLO) Erfahrungsberichte von Begleitern, Lehrern, Eltern und Schülern. Er berichtete, dass in der Oberstufe sicher Schüler seien, die einen Schulbegleiter vielleicht bräuchten. „Aber werden sie dadurch nicht noch mehr zu Außenseitern?“

Christoph Jell (UBV) relativierte: „Schulbegleiter gibt es auch an Förderschulen.“ Man müsse den Betroffenen Schulbildung ermöglichen, damit sie ihr Leben finanzieren könnten. Im neunjährigen Sonderpädagogischen Förderzentrum in Landsberg kann aber beispielsweise nur der einfache Mittelschulabschluss oder ein externer Hauptschulabschluss erreicht werden. Jell betonte, dass er sich eine andere Wortwahl gewünscht hätte. Wie auch Groner nochmals auf den ‚Hauptaufreger‘ zu sprechen kam. Es sei gut, drastisch auf das finanzielle Problem hinzuweisen. „Aber ich würde mir wünschen, dass das mit anderen Worten geschieht.“ Er habe niemanden diffamiert, nur eine Situation beschrieben, sagte Eichinger. Die Aussage „Andersartigkeit kann man nicht ändern“ wurde nicht diskutiert.

Das Thema „Schulbegleiter“ soll nun im Inklusionsbeirat näher besprochen werden, samt Erfahrungsberichten, eventuellen Alternativen, Gremien, möglichen politischen Lösungen. Sollte Eichinger beabsichtigt haben, mit seinen streitbaren Formulierungen die Schulbegleitung zum Thema zu machen, war es zielführend provokativ. Oder eben manipulativ. Ist nur eine Frage der Wortwahl.

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