Silvesternachtt in Landsberg

Wenn der Sozialpädagoge zur Zaunlatte greift

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Weil ihn das Geballere vor seinem Haus auf die Nerven ging, griff ein 66-Jähriger in der Silvesternacht zur Zaunlatte - mit Folgen.

Landsberg – Diesen Jahreswechsel hatten sich alle Beteiligten anders vorgestellt – die einen wollten eine Party feiern, die anderen zu Hause bleiben. Doch der Silvesterabend 2019 in einem Landsberger Ortsteil endete mit Verletzungen und einem Polizeieinsatz – und er hatte jetzt ein gerichtliches Nachspiel.

Angeklagt war ein 66-Jähriger, der Anwesen und Auto durch Silvesterböller gefährdet wähnte – ein Thema, das offenbar bereits in den Jahren zuvor für Streit im Dorf gesorgt hatte. Auch dieses Mal sei die Knallerei schon am Nachmittag losgegangen, berichtete der Rentner. „Jede Stunde“ sei eine Gruppe Feiernder an seinem „uralten Haus“, in dem viel Holz verbaut sei, vorbeigekommen und habe Kracher gezündet, auch gezielt auf sein Anwesen. Gegen 22 Uhr habe er gedacht, es würde „irgendwo“ brennen, und sei mit einem Eimer Wasser hinausgegangen.

Hier traf er auf eine Gruppe junger Männer, die auf dem Weg zu einer privaten Silvester­party war. Er sei „psychisch am Ende“ gewesen, gab der 66-Jährige an – und habe das Wasser auf die Gruppe geschüttet. Der Schwall traf einen 21-Jährigen, der den 66-Jährigen daraufhin wegschubste. Der Diplom-Sozial­pädagoge stürzte zu Boden. Er habe dann nach einer Zaunlatte gegriffen und den Jüngeren geschlagen, weil er glaubte, sich verteidigen zu müssen.

Von dieser Notwehr-Version blieb nach den Zeugenvernehmungen allerdings nichts übrig. Der Geschädigte, sein Bruder (16) und drei Freunde (16 und 18 Jahre alt) berichteten, sie hätten auf dem Weg zu einem weiteren Freund Kracher auf die Straße geworfen – was an Silvester ja erlaubt sei. Vor dem Anwesen des 66-Jährigen sei dieser ihnen mit Eimer und Zaunlatte entgegengekommen. Als den 21-Jährigen die Schläge trafen, hatte er dem Angeklagten den Rücken zugewandt. Er trug eine blutende Wunde hinter dem rechten Ohr, Striemen und Hämatome davon. Als einer der Freunde (16) dazwischengehen wollte, drohte der Angeklagte ihm ebenfalls Schläge an.

Die Frau des 66-Jährigen soll – stark alkoholisiert – gedroht haben, ihre Hunde auf die Gruppe loszulassen – was sie bestritt. Eine Nachbarin ließ laut Aussage einer Polizeibeamtin ihren Rottweiler im Garten herumspringen, während der Verletzte blu­tend am Zaun lehnte. Die 36-Jährige hatte vorher bereits eine andere Gruppe ausgelassener junger Männer aufgefordert, auf der Straße keine Böller neben ihrem Auto zu zünden.

Für den 66-Jährigen hätte die Verhandlung recht glimpflich enden können. Er brachte keine Vorstrafen mit und hatte eingewilligt, dem Geschädigten 900 Euro Schmerzensgeld zu zahlen – beides sprach zu seinen Gunsten. Doch mit seinem letzten Wort, das jedem Angeklagten nach den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung zusteht, tat sich der Diplom-Sozialpädagoge keinen Gefallen. Es tue ihm zwar leid, dass das Ganze so gelaufen sei. Aber: „Ich hoffe, dass nächstes Silvester Ruhe ist – sonst muss man sehen.“

Richter Michael Eberle wertete diesen Satz wie eine Drohung. Bis zu diesem Moment habe er gedacht, eine Geldstrafe würde ausreichen – so jedoch verurteilte er den 66-Jährigen wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von sieben Monaten auf Bewährung. Außerdem muss der Rentner 2.000 Euro an den Tierschutzverein zahlen. Zwar sehe er den Interessenskonflikt in diesem Fall und wünsche sich Rücksicht auf die Mitmenschen, so Eberle. Doch der 66-Jährige habe bereits mit dem Ausschütten des Wasserkübels eine „Eskalationsspirale“ in Gang gesetzt und könne sich deshalb nicht auf Notwehr berufen. Er sei vielmehr „mit brutaler Gewalt“ auf Jugendliche losgegangen.

An alle Beteiligten richtete Richter Eberle den Appell, einen „neutralen Böllerort“ im Dorf zu suchen – „damit wir nächstes Jahr nicht wieder hier sitzen“.
Ulrike Osman

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