Wenn die Welt verloren geht

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Der Besuch beim Arzt beweist es: Dorine leidet an Alzheimer. Die Schauspieler Garbiñe Insausti, Jose Dault und Edu Cárcamo des spanischen Kulunka Teatro begeisterten mit ihrem Maskentheater.

Landsberg – Alzheimer. Wenn der Kopf nicht mehr mitmacht, die Erinnerung verlorengeht. Wenn selbst elementare Handlungen unmöglich werden. Wenn ein Mensch das, was ihn ausmacht, verliert. Viele Filme haben sich diesem Thema gewidmet. Das Theater eher weniger. Vielleicht ist es das falsche Medium? Dass dem nicht so ist, zeigte am vergangenen Donnerstag die spanische Theatergruppe Kulunka Teatro im nahezu ausverkauften Stadttheater. Drei Schauspieler, die mit Hilfe von Masken in 15 Rollen schlüpfen und die bewegende Geschichte von „André & Dorine“ erzählen – eine Geschichte über einen Schriftsteller, dessen Frau an Alzheimer erkrankt. Ganz ohne Worte.

Ein Schreibtisch, ein Regal, davor ein Sessel und ein Cello. Ein alter Mann mit übergroßer Maske setzt sich und tippt auf einer alten Schreibmaschine. „Klack, klack, klack … zing!“ Zeilenende. „Ratsch“, zurück zum Zeilenanfang. Eine alte Frau, auch sie mit großer Maske, setzt sich auf den Sessel, nimmt das Cello. „Schrumm!“, streicht sie aufsässig über die Saiten. Das Tippgeräusch endet. Die beiden schauen sich an, lächeln, er beginnt wieder zu tippen… und „schrumm!“ Ein Klopfen an der Tür. Wer macht auf? Beide bleiben stur sitzen. Und stehen dann gleichzeitig auf. Was da auf der Bühne geschieht, ist ein liebevoller Kampf zwischen André und Dorine, ein Ritual zwischen Menschen, die sich schon ein Leben lang kennen.

Irgendwann knöpft Dorine ihr Hemd falsch. Hält den Cellobogen verkehrt herum. Ein Arztbesuch mit ihrem Sohn bringt die niederschmetternde Diagnose. André liest den Arztbrief, zerknüllt ihn und klatscht lässig in die Hände: „Wird schon nicht so schlimm sein.“ Doch dann kommt Dorine mit heruntergelassener Unterhose aus dem Bad. André, mit dem Putz­eimer bewaffnet, sorgt wieder für Ordnung, bringt einen Berg voller Klopapier aus dem Bad. Das Publikum lacht, so liebevoll komisch erzählt das Teatro Kulunka die immer stärkeren Symptome der Krankheit. Ein herzliches Kichern, wenn Dorine sich stur die Socken über die Hände stülpt, falsch herum in die Jacke schlüpft und sich abschließend die Einkaufstasche auf den Kopf setzt. Aber dann: André kommt zur Tür herein, er trägt eine unheimliche Maske, ohne Nase, nur Augen. Die Zuschauer verstummen. Auch Dorine weicht vor ihm zurück, sie hat Angst. Denn sie erkennt ihn nicht mehr.

André beschließt, ihre gemeinsamen Erinnerungen aufzuschreiben. In Rückblenden zeigen die Schauspieler in verjüngten Masken, wie sich die Beiden kennenlernen: Liebe auf den fast ersten Blick. Dorines Besuch in Andrés Junggesellenbude, Sex auf quietschendem Plüschtier und Dorine ist schwanger. Das quietschende Plüschtier ist eine der vielen humorvollen Kleinigkeiten, die die Geschichte versüßen. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre. Gerade dieser Humor verhindert, dass die Geschichte kitschig wird. Auch die Masken verbieten Wehmut. Sie tragen einen neutralen Gesichtsausdruck, lassen Mimik außen vor, wirken aber niemals kalt. Ganz im Gegenteil: Die Körpersprache der Schauspieler scheint sie lebendig zu machen.

Das Kulunka Teatro ist weltweit unterwegs: In Birmingham, auf Kuba, in Los Angeles. Das Stück erhielt zahlreiche Auszeichnungen und auch die drei Schauspieler, Garbiñe Insausti, Jose Dault und Edu Cárcamo wurden mit Preisen belohnt. Warum sie dem Ehepaar gerade diese zwei Namen gaben? Sie verweisen damit auf den Philosophen André Gorz und dessen schwerkranke Frau Dorine, die sich 2007 gemeinsam das Leben nahmen. André Gorz, der als Geistesmensch zusehen musste, wie seine geliebte Frau geistig abbaute und immer mehr verschwand. Keiner der beiden wollte vor dem anderen sterben.

Auch das Ende des Theaterstücks kommt ohne Kitsch: André gibt Dorine die aufgeschriebenen Erinnerungen. Doch sie zerknüllt jedes einzelne Blatt: Das Erzählte sagt ihr nichts mehr. Im vorletzten Bild das Begräbnis. Als Sarg kein Sarg sondern das Cello in seinem Kasten. Und ganz am Schluss, im letzten Bild, steht der Sohn allein im Zimmer. Findet Andrés Notizen. Beginnt zu lesen. Und hält so die Erinnerung seiner Eltern lebendig.

Susanne Greiner

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