Raus aus der prekären Lage

SPD-Kreistagsfraktion: Antrag für Konfliktwohnung im Landkreis Landsberg

Frau wehrt Schläge von Mann ab.
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Die Corona-Pandemie lässt Fälle häuslicher Gewalt steigen – gleichzeitig macht sie es Frauen schwerer, zu handeln. Eine Konfliktwohnung soll eine Alternative bieten.
  • vonAndrea Schmelzle
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Landkreis – Aufwind für ein wichtiges Thema: Die SPD-Kreistagsfraktion hat auf Initiative der stellvertretenden Vorsitzenden Hannelore Baur einen Antrag für eine Konfliktwohnung für den Landkreis Landsberg erarbeitet, über den im heutigen Kreisausschuss beraten und abgestimmt wird.  

Es muss oft schnell gehen. Wenn Frauen Gewalt erleben, müssen sie raus aus dem gewalttätigen Umfeld. Oft sind Kinder im Spiel. Die müssen mit. Aber wohin? Frauenhäuser in den umliegenden Landkreisen wie Augsburg, Fürstenfeldbruck oder Murnau sind rappelvoll. Ein eigenes Frauenhaus im Landkreis Landsberg – nicht existent.

Ob körperlich, sexuell oder psychisch: Häusliche Gewalt hat es schon immer gegeben. Sie geht durch alle gesellschaftlichen Schichten. Die Corona-Pandemie macht die Lage nicht leichter. Studien belegen: Gerade in dieser Zeit der Isolation steigt das Gewaltpotenzial. Wurde den betroffenen Frauen zuvor zum Teil mit einer kurzfristigen Unterbringung im Hotel geholfen, funktioniere das im Lockdown nicht: „Es hat ja kein Hotel offen“, so Baur. Eine Konfliktwohnung in Landsberg zu installieren habe damit nochmals eine höhere Dringlichkeit bekommen – also eine vom Landkreis finanzierte möblierte Wohnung, in der die Betroffenen schnell und unbürokratisch vorübergehend anonym Zuflucht finden, als Zwischenlösung, bis ein Platz in einem Frauenhaus frei wird. „Das ist einfach notwendig“, betont Baur. Der Landkreis habe ja Wohnungen, sagt Kauferings Bürgermeister Thomas Salzberger (SPD), da könnte eine für solche Notfälle bereitgehalten werden. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, ist Baur überzeugt.

Vor langer Zeit, so Baur, habe es schon zwei Konfliktwohnungen für den Landkreis gegeben. Als man sich finanziell mit zwei Plätzen am Frauenhaus Augsburg beteiligt habe, seien sie jedoch aufgelöst worden. Auch eine Gleichstellungsbeauftragte habe der Landkreis einst gehabt. Beides ist nicht mehr vorhanden. „Jetzt, nach 25 Jahren, sind wir rückständiger denn je“, meint Baur. Das Thema sei stets belächelt und vor allem von den Finanzen her „gerne mal nach hinten geschoben“ worden.

Baur ist eine der Initiatorinnen des Initiativkreises Frauenhaus Landsberg, der Anfang 2019 gegründet wurde und sich mit Vertretern aus sozialen Einrichtungen wie AWO, Weißer Ring oder Caritas, der Polizei und des Frauenhauses Augsburg für ein Frauenhaus im Landkreis Landsberg eingesetzt hat. Vergeblich. „Bis ins Nirwana vertagt“, so Baur. Der Kompromiss: Die Landkreis-Plätze im Frauenhaus Augsburg wurden von zwei auf vier aufgestockt. Aber auch hier müssen viele Frauen abgewiesen werden. Die Möglichkeit einer Konfliktwohnung sei vielleicht wieder ein Neuanfang, hofft Baur. Man spüre, dass die Sensibilisierung zum Thema häusliche Gewalt zunehme. Auch der Initiativkreis wachse mehr und mehr, meint Vorsitzende des AWO-Kreisverbandes und Mit-Initiatorin Margit Däubler.

Von Gewalt betroffene Frauen würden oft wegschauen, so Baur, weil sie keine Möglichkeit sehen, sich ihrer Lage zu entziehen. Sie hätten nicht die entsprechenden finanziellen Mittel, wüssten nicht, wohin. Der Leidensdruck einer Frau müsse groß sein, bis sie ausbreche. Studien belegen, dass Frauen circa sieben Anläufe brauchen, um aus der Gewaltsituation herauszukommen. Im Lockdown sei das noch schwieriger. Die Frauen sähen keine Möglichkeit, auswärts Hilfe zu suchen, ohne dass der Täter das mitbekomme, erklärt Anna Lehrmann, Mitarbeiterin des Frauenhauses Fürstenfeldbruck. Die Folge: Frauen reagieren verhaltener. Das, was mehr geworden ist, die Gewalt, sei damit aber gar nicht sichtbar.

Eine Konfliktwohnung würde die Hürde für die Frauen senken, meint Baur. Die Wohnung verschaffe Luft, bis die Frau im Frauenhaus untergebracht ist oder ihr ein anderer Weg in die Zukunft aufgezeigt werden kann, etwa über das Jugendamt oder Beratungsstellen. Das Wichtigste sei zunächst: raus aus der prekären Situation. Und zwar schnell. Dann könne man schauen, wie es weitergeht.

Langfristiges Thema bleibe ein offenes Frauenhaus, sagt Däubler. Es benötige jedoch Zwischenschritte. Etwa die 24-Stunden-Erreichbarkeit einer Beratungsstelle. Durch „via – Wege aus der Gewalt“ sei das bereits über einen professionellen Träger, die AWO Augsburg, anonym und kostenlos gewährleistet. Die Konfliktwohnung wäre ein zweiter Schritt. Und der Dritte: eine Gleichstellungsbeauftragte, als hauptamtliche Kraft im Landkreis, die das Thema vorantreibe.

„Ich würde mich freuen, wenn die Konfliktwohnung leer bliebe“, sagt Baur. Aber das werde nicht der Fall sein, befürchtet sie. „Von rund 80 meiner betreuten Kunden sind acht Frauen von Gewalt betroffen,“ sagt Monika Owen vom Jobcenter Landsberg. Baur hofft nun, dass ihr Antrag durchgeht. Es sei ja nicht nur zum Wohle eines Einzelnen, sondern ein gesellschaftliches Problem. Und das mache auch vor dem Landkreis Landsberg nicht halt. „Die heile Welt gibt es auch hier nicht mehr.“
Andrea Schmelzle

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