Poeten im Wettstreit mit Zeus

Der Splishy Splashy Poetry Slam im Inselbad

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Die Angst vor dem Sprung: Beim Splishy SplashyPoetry Slam im Inselbad gingen die Poeten baden.

Landsberg – „Blitzeinschlag! Poet vom Fünfmeterturm gestürzt“. Das hätte die Schlagzeile sein können. Aber Zeus hat nicht eingegriffen. Beim Splishy Splashy Poetry Slam am Freitagabend im Inselbad dräute zwar tiefes Schwarz am Himmel. Aber offensichtlich besänftigten die Dichterworte den Göttervater – und das Gewitter zog vorüber. Den vierten Poetenwettstreit in luftiger Höhe und einmaliger Freibad-Atmo erlebten dieses Jahr weniger Slam-Begeisterte als zuvor. Und das, obwohl der aktuelle bayerische Meister seine Wortkunst darbrachte – und am Ende auch den begehrten Plastik-Hai in die Arme schließen konnte.

Fünf Meter von unten sehen gar nicht so hoch aus. Aber steht man oben, ändert sich die Perspektive. Auch Moderatorin Kathi Mock scheint leicht zu schwanken. Es gebe da oben Ritzen, und zwischen denen schweift der Blick in die Tiefe. Tatsächlich sind Gäste anwesend, die noch nie bei einem Poetry-Slam waren – denen Mock das Prozedere erläutert. Lyrik, Dada, Kurzgeschichte, Rap: beim Slam darf und kann alles. Nur selbstgeschrieben muss es sein. Am Hebel der Macht sitzt das Publikum. Gefallen die Worte, bleibt der Poet trocken. Ansonsten heißt es: ab ins Haifischbecken!

Die erste Dichterin ist bekannt: Fee, zum dritten Mal dabei, ist glücklich. „Und wenn ihr nicht glücklich seid, macht die Augen zu und seid neidisch“, rät die Münchenerin. Ihre Worte ranken sich ums Glück, mit Bildern so schön wie auf Instagram. Der Applaus der Zuschauer ist wohlwollend. Aber eine satte Zehn hört sich anders an: mit Jubelschreiben und exzessivem Gebrauch der Ratschen, die die Sparkasse zur Verfügung stellt. Vielleicht schaffen es die zweiten Wettstreiter: ein Team, Lara Ermer und Teresa Reichl alias „Es kann nur beide geben“. Ihr Text: „Frauen“. Das Thema: „Frauen“. Denn sie sind: „Frauen“. Nicht die unsichtbar durchs Haus huschenden Accessoires des Mannes. Sondern die mit Haaren und Geruch – und allem was zum Menschsein dazugehört. Tosender Beifall, auch von den Männern. Mate Tabula bearbeitet seine Schilddrüsenunterfunktion im Heldenepos „Hashimoto-Man“, Ezgi Zengin – mit Höhenangst, aber ohne Brille – vergleicht ihr unaufgeräumtes Leben mit dem perfekter TV-Shows. Doch die Entscheidung ist gefallen: „Es kann nur beide geben“ ziehen ins Finale ein.

Die besondere Atmo zeigt sich, wenn's dunkel wird im Inselbad.

Die Entscheidung unter den Poeten der zweiten Hälfte ist schwieriger. Da ist Steven mit „Hackfleischpizza“, einem Text, der das Nichtstun preist: „Sich ordentlich strecken heißt heute Aktivyoga, Nichtstun nennt sich Power-Napping.“ Yannick Sellmann setzt auf Zynismus, wenn er Fußballplätze zu Friedhöfen umfunktioniert. Svea Gross präsentiert einen Text über ihre Angst, als spießig zu gelten. Weil sie festen Schlaf und feste Beziehungen mag und sich darauf freut, 30 zu werden: „Da will man nicht dauernd Sex, sondern liest auch mal ein Buch.“ Die Performance begleitet ihr panisches Lachen, wenn ein Blitz den Himmel zerhackt. Abräumer ist der Bayerische Meister Phillip Potthast mit einem Rap-Vortrag über sein strukturiertes Leben, in dem er „To-Do-Listen über das Abarbeiten meiner To-Do-Listen“ führt. Lachsalven, Ratschen-Geknatter: eindeutig und verdient Platz 1.

Zeus stellt die Finalisten auf die Probe. Im Blitzgewitter starten „Es kann nur beide geben“ mit einem grandiosen Text über den Neid auf die perfekten ‚Girls‘ – auch wenn einem selbst die „schönsten Ohrläppchen der Unterstufe“ gehören. Aber „die Welt ist groß genug, um sich nicht klein fühlen zu müssen“. Potthast setzt auf Performance mit einem Text über Flexitarier, die Softi-Vegetarier. Ein Auftritt, der von den Zuschauern auf der Galerie bejubelt wird, während der untere Bereich eindeutig „Es kann nur beide geben“ favorisiert. Das Machtwort spricht jedoch für den Bayerischen Meister, der glücklich den Hai entgegennimmt, während sich „Es kann nur beide geben“ ins Becken stürzen.

In guter Tradition werden die Einnahmen aus dem Splishy Splashy Poetry Slam von Veranstalterin Christina Pichler Kestler und ihrer Agentur ‚helle Tage‘ einem wohltätigen Zweck gespendet: heuer dem SOS Kinderdorf Ammersee. Leider waren es, trotz Aufrunden der Stadtwerke Landsberg – die sowohl das Bad als auch die Arbeit ihrer Angestellten bis tief in die Nacht beisteuerten – am Ende nur 500 Euro. Vielleicht waren die einen noch Ruethenfest-müde, während die anderen Energie für den Töpfermarkt aufsparten. Ein paar hat sicher auch der Löwe im Open-Air-Kino abgezogen. Schade wär’s, wenn 2020 ohne Splishy Splashy vorüberginge. Freibad am Abend in Kombination mit schönen Worten ist großartig. Das sollte man sich nicht nehmen lassen.

Susanne Greiner

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