Zu oft sprachen Fäuste und Waffen

Tränen von der Mutter, der Freundin und dem Angeklagten selbst: Mit der Festnahme eines 20-Jährigen ist eine Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht am Mittwoch dramatisch zu Ende gegangen. Einen gan­zen Tag lang war im Amtsgericht prozessiert worden, denn auf der Anklagebank saßen noch sieben weitere junge Erwachsene, die in Landsberg und Umgebung wiederholt durch zum Teil aggressive Handgreiflichkeiten aufgefallen waren.

Staatsanwältin Jennifer Kruse hielt Fluchtgefahr bei dem 20-Jährigen aus Emmering, der sich in offener Bewährung befand, für möglich. So sprach Richter Alexander Kessler nach Beratung mit den Schöffen den Haftbefehl aus. Der in Landsberg geborene und als Aushilfskoch arbeitende junge Mann wurde aus dem Gerichtssaal direkt in die Untersuchungshaft in die Justizvollzugs­anstalt nach Augsburg ge­bracht. Nicht nur die Anklagebank war voll besetzt, auch auf den Zuschauerplätzen war kein Platz mehr frei. Freundinnen und Freunde sowie Eltern der jungen Angeklagten verfolgten von dort aus die Verhandlung, die sich mit Pausen von 9 bis 18 Uhr hinzog. Es ging um Körperverletzungsdelikte und auch um Nötigung mit einer Reizgas­pistole, in die die sieben jungen Männer und ein Mädchen in unterschiedlicher Weise verwickelt waren. „Es ist erschreckend, zu sehen, wie manche Streit suchen, man provo­- ziert oder sich provoziert fühlt“, resümierte Richter Kessler. Scheinbar liefen die Treffen der Jugendlichen – bis auf den Verhafteten leben alle in Landsberg – immer nach dem selben Schema ab: Wenn sie nachts durch Wodka Red Bull oder Bier stark alkoholisiert unterwegs waren und auf andere junge Erwachsene stießen, kam es zu Auseinandersetzungen. Für die Opfer endeten diese eigentlich zufälligen Begegnungen mit blauen Augen, Platz­wunden und Prellungen. An fünf Schauplätzen war die Situation jeweils eskaliert: In der Herrentoilette des Eisstadions in Buchloe gingen der 20-Jährige Hauptangeklagte und ein 18-jähriger Maler-Azubi aus Landsberg gar auf drei Schüler los. Faustschläge hatten sie den Kindern verpasst. Als nicht haltbar, erwies sich die von den beiden Angeklagten geäußerte Provokation, wie der Richter einschätzte: Die Schüler, um die 15 Jahre alt, hätten am Landsberger Fanblock gepöbelt. "Panische Angst" Als die drei Jungen als Zeugen aussagten, wurde augenscheinlich, dass von ihnen keine Gefahr gegen die Landsberger ausgegangen war. „Er hat panische Angst gehabt, so dass wir ihn zuhause vernommen haben. Er war fix und fertig“, schilderte eine Polizeibeamtin den damaligen Zustand eines Jungen, der von diesem Besuch eines Eishockeyspieles nicht nur ein blaues Auge, sondern auch die Angst, wieder Opfer zu werden, zurückbehielt. Vorfall Nummer zwei ereignete sich in Landsberg vor dem Olympia-Filmtheater als besagte Clique auf drei andere junge Erwachsene traf und diese nach gegenseitigem Provozieren verfolgte. „Ich hab’ mich bedroht gefühlt. Der eine schlug sofort zu“, meinte der Geschädigte aus dieser Nacht. „Sie scheinen eine extrem niedrige Aggressionsschwelle zu haben“, so Kruses zu den Angeklagten. Und Kessler meinte, „man hat das Gefühl, sie warten geradezu darauf, dass etwas passiert.“ In Untermeitingen suchte die Gruppe – ein Mädchen und fünf Jungen – Streit mit einem 25- und einem 19-Jährigen auf dem Parkplatz vor der Disco PM. Wieder fing es ohne wirklichen Grund mit Beleidigungen an. „Übel zugerichtet“ (Kessler) wurde der ältere der Beiden. Fotos von seinem Gesicht, auf das gleich mehrere Fäuste eingedroschen haben, bewiesen es. Fünf Angeklagte räumten ein geschlagen zu haben. Dass er bei einer Silvesterparty in Pürgen einem Kontrahenten eine Reizgaspistole an die Stirn gehalten zu haben (Vorfall Nummer vier), gestand ein 19-jähriger Angeklagter. „Er sollte sich entschuldigen, weil er mich mit SMS und Anrufen beleidigt hatte.“ Als „menschenverachtend bezeichneten Richter und Staatsanwältin, später er selbst seine Tat, jemand anderes so unter Druck zu setzen. Wie bekannt wurde, hatte er nach dem Vorfall mit der Pistole, mit der auch in die Luft geschossen hatte, seine Ausbildung zum Schutz- und Sicherheitsmitarbeiter bei der Bahn abgebrochen. „Ich fühlte mich dafür nicht mehr geeignet“, begründete der heute Arbeitslose diesen Schritt. Der Geduldsfaden von Staatsanwältin Kruse war zum Zerreißen gespannt – besonders angesichts des Verhaltens des Hauptangeklagten und des 18-jährigen Mädchens – beide äußerten sich nicht umfassend, sondern schienen etwas zu verschweigen. Der Hauptangeklagte soll zudem, wie Zeugen bestätigten, auf der Pürgener Party eine Schreckschusspistole auf andere Partygäste gerichtet und auch abgefeuert haben. Er, der mehrfach vorbestraft ist, wurde eindeutig belastet. Außerdem musste er sich wegen unerlaubten Führen eines Butterfly-Messers verantworten. Das junge Mädchen wiederum brachte zwar mehrfach Entschuldigungen vor – zum Beispiel dafür, dass sie bei der Rangelei vor dem Landsberger Kino eine junge Frau „Schlampe“ nannte. Die Geschädigte nahm die Entschuldiung aber nicht an. Den Vorwurf der Körperverletzung gab die 18-jährige Lands­bergerin nicht zu – obwohl Geschädigte und Zeugen dies be­stätigten. Über 15 Zeugen wurden vernommen, manche zweimal, da sich der Verdacht erhärtete, dass sie vorher vom Hauptangeklagten unter Druck gesetzt worden waren. „Hat es einen bestimmten Grund, warum sie hier so zögerlich ausgesagt haben?“, fragte Kessler den jüngeren Geschädigten, der von der 18-jährigen Landsbergerin und dem Hauptverdächtigen in Untermeitingen bewusstlos geprügelt worden war. Die Antwort: „Er ist auf der Landsberger Wies’n zu mir gekommen und hat gesagt, dass ich nichts Falsches aussagen soll, weil er sonst einsitzen muss.“ Solche Drohungen hatten, wie sich bei der zweiten Verneh­mung einiger Zeugen herausstellte, immer wieder im Raum geschwebt. Einer der Befragten gab später zu, dass ihn das psychisch sehr belastet habe. Die Staatsanwältin befürchtete, dass der 20-jährige Haupttäter aufgrund der zu erwartenden Freiheitsstrafe flüchten könne und beantragte deshalb, ihn zu inhaftieren. Dem Antrag auf Haftbefehl für den 20-jährigen widersprach dessen Anwältin, Anita Trautwein. Einen negativen Eindruck von der Persönlichkeit des Mannes hatte aber zudem der Bericht der Jugendgerichtshilfe hinterlassen. Rob van der Vlies erklärte nämlich: „Er hat seine Situation beschönigt.“ So hatte er bei seinen Gehaltsangaben ge­logen. Van der Vlies unterstellte ihm schädliche Neigungen und die nötige Selbstständigkeit. Der 20-Jährige sei sehr labil und beeinflussbar, er brauche intensive Betreuung. Eine nochmalige Bewährung hielt der Experte nicht mehr für verantwortbar. Hirnorganische Störung? Trautwein hingegen äußerte Bedenken zur Schuldfähigkeit des 20-Jährigen und erreichte, dass ein psychiatrisches Gutachten für ihn erstellt wird. „Als Frühgeburt, ist seine Entwicklung sehr verzögert verlaufen.“ Und fügte hinzu: „Er kann dem Ganzen nicht folgen. Ich habe den Verdacht, dass es hirnorganische Störungen gibt.“ Für den 20-Jährigen geht es nach der U-Haft weiter. „Sie bleiben da erst mal solange bis das Gutachten fertig ist. Dann wird die Geschichte noch einmal verhandelt“, so Kessler. Sechs der Angeklagten wurden noch am selben Tag nach Jugendstrafrecht verurteilt, fallengelassen wurde die Anklage gegen einen wohl nahezu Unbeteiligten aus der Angeklagtenreihe. Der junge Mann, der mit der Reizgaspistole drohte, muss zweimal Freizeitarrest verbüßen, die anderen Geständigen bekamen eine Strafe von zwei Wochen Dauerarrest. Für drei Wochen wird sich das 18-jährige Mädchen in einer Arrestzelle einquartieren müssen.

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