Konkurrenzkampf am Lech

Wird’s im Kinderhaus bald eng?

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Nach 13 Jahren ist Schluss: Am kommenden Samstag schließt die Kinderkrippe „Wichtelgarten“ von Andrea Sorge-Petzold mit einem Abschluss-Flohmarkt für immer die Pforten. Die Kleiderboxen der zuletzt 14 Kinder stehen noch in den Regalen.

Landsberg – Das städtische Kinderhaus an der Römerauterrasse wird jetzt tatsächlich zur Erfolgsgeschichte, wenn man Oberbürgermeister Mathias Neuner und Stadtjustiziarin Petra Mayr-Endhart folgen will: Bis zum Jahresende sei auch die Krippe voll belegt, es gebe sogar eine Warteliste. Bei genauem Hinsehen bleiben allerdings Fragen offen. Einige Stadträte forschen inzwischen nach, ob der Aufschwung im Kinderhaus mit der überraschenden Schließung des „Wichtelgartens“ zu tun hat. In der Kinderkrippe selbst ist man auf Verwaltung und Jugendamt nicht gut zu sprechen.

Im Kinderhaus herrschte vor der Presse dagegen gute Laune. Man sei mit dem Bau des Kinderhauses „allen Unkenrufen zum Trotz“ den richtigen Weg gegangen, so der OB, der ankündigte, jetzt zusätzlich zwei Kindergartengruppen in Krippenplätze umwandeln zu wollen. Drei Einrichtungen kämen dafür infrage; welche das sind, wollte Neuner aber noch nicht sagen. „Wir haben mit ihnen noch nicht gesprochen und die sollen das nicht aus der Zeitung erfahren.“

Der Bedarf ist nach den Zahlen, die die Stadt gesammelt hat, eindeutig gegeben. 131 Krippenplätzen stehen 190 Anmeldungen von Kindern gegenüber, „die Nachfrage nach Betreuung steigt trotz sinkender Kinderzahlen“, sagt Petra Mayr-Endhart. Obwohl man diesmal Mehrfachanmeldungen nach ihrer Auskunft bereits berücksichtigt und ausgefiltert hat, sei aber dennoch „die Zahl 190 nicht so dramatisch, wie es sich im ersten Moment anhört.“ Der Grund: „Viele Eltern überlegen sich erfahrungsgemäß noch, ob sie ihr Kind wirklich in die Krippe geben und einige Kinder haben noch nicht das erste Lebensjahr vollendet, womit auch kein Rechtsanspruch besteht.“

Das gleiche gilt für die Anmeldungen von Nicht-Landsbergern. Wieviele der 59 Kinder auf der Warteliste damit wegfallen, ist aber derzeit nicht festzustellen. Diese detaillierten Infor- mationen liegen nur bei den jeweiligen Einrichtungen, nicht aber bei der Stadt vor, so Gerhard Müller vom Referat für Schule, Jugend und Sport. Eine andere Zahl erläuterte Müller aber jetzt bereits ÖDP-Stadtrat Stefan Meiser auf dessen Nachfrage. Meiser war stutzig geworden, weil die Zahl der Krippenplätze in Landsberg in diesem Jahr erstmals überhaupt gesunken war (von 145 auf 131). Das liege daran, dass der Wichtelgarten zum 31. August seinen Betrieb einstellt, so Gerhard Müller.

"Zu unbequem"

In einem Schreiben an seine Stadtratskollegen wunderte sich Meiser, dass die Einrichtung schließe, „ohne dass es auch nur einen Hinweis im Stadtrat oder in der Presse gab“. Tatsächlich erwähnten die Vertreter der Stadt beim Pressetermin im Kinderhaus den „Wichtelgarten“ mit keinem Wort, obwohl die Problematik in der Verwaltung bestens bekannt ist: Seit Jahren kämpfe sie für ihre Krippe und laufe bei Stadt und Landratsamt gegen Wände, sagt Leiterin Andrea Sorge-Petzold. „Man wollte uns nie, wir waren immer zu unbequem.“

In der Tat verlief der Weg des Wichtelgartens seit der Gründung vor 13 Jahren nicht immer geradlinig. Die Einrichtung, die in einer Privatwohnung begann, wuchs stetig und zog mehrere Male um. In den letzten Jahren war man nun in einem ehemaligen Bundeswehrgebäude am Wiesenring untergekommen. Die Krippe war voll ausgelastet, bei den Eltern kam vor allem das Konzept gut an, dass die Kinder im Wichtelgarten auch nur für einige Tage in der Woche angenommen werden. Genau das geht beispielsweise im Kinderhaus nicht – so seien die „pädagogischen Ziele“ nicht zu erreichen, erfuhr eine Mutter in der städtischen Krippe auf Anfrage, außerdem könnten die Kinder „keine Freundschaften schließen“. Für „völligen Unsinn“ hält das die „Wichtelgarten“-Chefin: „Krippenkinder brauchen einen sauberen Po und einen vollen Ma­gen, da gibt es keine ,pädagogischen Ziele‘ und Freundschaften schließt man in diesem Alter auch nicht.“

Hohe Auflagen

Sorge-Petzold hatte an mehreren Punkten Probleme mit den Behörden. Neben der Waldorfkrippe war der „Wichtelgarten“ laut Meiser die einzige Einrichtung, die nie freiwillige Betriebskostenzuschüsse von der Stadt erhielt. Unter anderem deswegen gehen am Wiesenring jetzt auch die Lichter aus. Die Immobilie ist mit 240 Quadratmetern zwar großzügig bemessen, aber auch relativ teuer. „Das war finanziell nicht mehr zu machen, wir kämpfen sowieso schon seit langem“, so die Leiterin, die deshalb von bislang 14 auf 24 Plätze erweitern wollte.

Dafür machte dann das Landratsamt hohe Auflagen: Wände sollten entfernt, zusätzliche Notausgänge geschaffen und mindestens vier Toiletten eingebaut werden. Rund 20000 Euro hätten die Umbauten wohl gekostet, das war für die Krippe alleine laut Sorge-Petzold nicht zu stemmen. Allerdings hätte man rund 80 Prozent Förderung bekommen – die Hälfte davon vom Freistaat, allerdings nur, wenn die Stadt den gleichen Beitrag übernimmt. „Da hat man mir aber schon am Jugendamt gesagt, dass ich das vergessen kann und gar keinen Antrag zu stellen brauche, weil die Stadt im Moment keinen Pfennig Geld hat“, so die Krippenchefin – nicht zum ersten Mal, dass Zuschussanträge des „Wichtelgartens“ kein Gehör fanden, „außer der Versetzung eines Zauns haben wir von der Stadt noch nie irgend etwas bekommen“.

Als einen „Skandal“ empfindet es wiederum Stadtrat Meiser, „wenn eine städtische Ein- richtung 320000 Euro Defizit einplant und auch bezahlt bekommt, während eine nicht städtische an 20000 Euro scheitern muss.“ Er will das Thema im Stadtrat noch einmal erörtern, „auch wenn der Zug jetzt abgefahren ist.“ Tatsächlich ist bereits an diesem Samstag nach einem Abschluss-Flohmarkt im „Wichtelgarten“ Schluss. Neben der Leitung verlieren dort acht Arbeitnehmer ihren Job. Derzeit sieht es so aus, als könnten alle an anderer Stelle unterkommen – wie auch die Kinder. „Einige sind natürlich auch ins Kinderhaus der Stadt gewechselt“, so Andrea Sorge-Petzold.

Gemeinsame Erklärung

Sie selbst kehrt Landsberg nun den Rücken. Zuvor hatte auch ein persönliches Gespräch mit Oberbürgermeister Neuner keinen Erfolg für den „Wichtelgarten“ erbracht. „Er hat mir gesagt, dass er keine Räumlichkeiten für uns hat und mir stattdessen angeboten, eine ge- mein­same Presseerklärung zur Schließung herauszugeben.“ Kein Trost für Sorge-Petzold: „ Darauf kann ich wirklich verzichten.“

Christoph Kruse

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