"Es geht nicht ohne Masterplan"

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Nach zehn Jahren verlässt Stadtbaumeisterin Annegret Michler Landsberg.

Landsberg – Stadtbaumeisterin Annegret Michler verlässt Landsberg nach zehnjähriger Tätigkeit. landsbergblog-Herausgeber Werner Lauff führte, auch für den KREISBOTEN, mit Michler ein Interview, das wir hier auszugsweise abdrucken. Das vollständige Gespräch finden Sie unter www.landsbergblog.info.

(...) Frau Michler, was müssen Stadtbaumeister heute sein? 

Michler: „Sie sollten zunächst mal den fachlichen Hintergrund haben. Sie müssen sich in Themen wie Stadtplanung und Urbanitätsforschung auskennen, aber auch technisch beurteilen können, was geht und was nicht geht. Dafür ist eine Ausbildung zum Regierungsbaumeister ideal. Dann müssen sie eine Gesamtschau auf die Stadt entwickeln und dabei auch stark genug sein, Einzelinteressen zurückzustellen. (...) Stadtbaumeister müssen Ideen, Entwürfe und Gefühle ganz vieler Menschen aufnehmen und umsetzen, also ein gemeinsames Werk daraus machen.“ 

Ist das eine Vermittlungsrolle? 

Michler: „So habe ich es jedenfalls verstanden. Das war mein Auftrag." 

Das führt uns zu Ihrer Vorliebe für Bürgerbeteiligung. Ein Muss? 

Michler: „Ja, aber sie ist nicht sinnvoll, wenn sie als Alibi einsetzt, wenn man sie als Zwang versteht. Nur wenn man sie wirklich will, macht sie auch wirklich Spaß. Wenn man die Offenheit entwickelt und die Beteiligung richtig strukturiert, dann ist es unheimlich spannend, wie viel fachlicher Input hereinkommt, und dass sich das mit Fachplanungen ganz oft deckt. So war es jetzt zuletzt bei der Pflugfabrik, also beim Thema Papierbach. Die Vorstellungen unserer Planer waren fast deckungsgleich mit denen der Bürger.“ 

Da ist aber nach unserer Beobachtung ein Bruch entstanden. Die Bürger und Sie hatten klare Vorstellungen - aber letztlich hat der Oberbürgermeister den Stab erst einmal an Herrn Pöttinger weitergereicht, damit er einen Investor sucht. Ohne dass Sie das jetzt kommentieren müssen: Was passiert in solchen Fällen? 

Den Rest vergessen 

Michler: „Der Investor sucht sich die Sahnegrundstücke heraus, verspricht eine Menge, baut Zeitdruck auf und dann wird das Ganze schnell umgesetzt und man wird wieder den Rest vergessen. Dann gibt es keinen ganzheitlichen Plan. Bahnüberquerungen, Straßenführungen, Verkehrsströme, Parken – solche Themenblöcke kommen dann meist zu kurz, weil man sie nicht so schnell lösen kann.“ 

Wie könnte man so etwas denn stimmig hinkriegen? 

Michler: „Ich glaube dass man so viel kommunales Selbstbewusstsein haben muss, dass man vorher den "Masterplan" fixiert; der muss als Mindestgrundlage vorhanden sein. Das wäre ein durch den Stadtrat beschlossener informeller Plan, eine Konkretisierung zwischen Flächennutzungs- und Bebauungsplan. Dann hat man den Städtebau, den Verkehr, die Freiflächen in einer gewissen Körnigkeit entwickelt. Das ist die Mindestforderung, die die Stadt stellen muss. Dazu gehört auch ein Katalog der Punkte, die in einem städtebaulichen Vertrag geregelt werden müssen. Da muss sich eine Stadt auch trauen, zu sagen, das wollen wir vorher noch machen. Und das muss sie selbst machen, sie darf es nicht dem Investor überlassen, selbst wenn der stadtplanerisch qualifiziert und bemüht ist.“ 

Wenn wir es richtig wissen, haben Sie dieses Vorgehen in Sachen Papierbach mehrfach vorgeschlagen, aber ohne Erfolg. 

Michler: „Das wären jetzt Verwaltungsinterna.“ 

Anders gefragt: Ein großes Stadtplanungsprojekt ohne Masterplan und kontinuierliche Bürgerbeteiligung führt zu ...? 

Michler: „Möglicherweise zu Bürgerbegehren. Dann wahrscheinlich mit der Konfrontation, dass die einen sagen: „So nicht“ und die anderen sagen „Wenn nicht so, ändert sich in den nächsten 20 Jahren wieder nichts“.“ 

Konsens mit Bürgern ist ja auch bei anderen Themen schwierig. Zum Beispiel bei der Verdichtung. 

Michler: „Darüber machen wir uns leider auch viel zu wenig Gedanken. Wir haben in den Dörfern ja Bebauungspläne, die auch in Zukunft sicherstellen, dass der Nachbar nicht die Würstl vom Grill abgreifen kann. Da kann man drauf vertrauen. Im Stadtgebiet ist das anders; an bestimmten Stellen müssen wir verdichten. Dennoch sollten wir so eine Art "Dichtekatalog" erstellen und damit Vertrauen schaffen. Außerdem darf Verdichtung nicht unkontrolliert ablaufen. In der Schwaighofsiedlung, das war ein innerörtliches Gebiet ohne Bebauungsplan, ist das nicht gut gelungen. Da fehlte ein vorausschauender Plan.“ 

In den „Oberen Wiesen“ soll ja nun auch noch mal verdichtet werden. Ist's nicht langsam mal genug? 

Michler: „Generell ist der Städtebau an dieser Stelle nicht optimal gewesen. Heute kommt man wieder zu den Formen der alten Städte zurück; die findet jeder gut. In den Oberen Wiesen hat man aber auf dem Kasernengrundriss aufgebaut. Wahrscheinlich war schon die Planung der beauftragten Stadtplaner falsch. Und jetzt gibt es diese Brüche, wo sich die Leute nicht wiederfinden. Die öffentlichen Räume werden nicht angenommen. Manche verbarrekadieren sich mit Sichtschutz vor ihren Nachbarn. Mittlerweile sind Wohnformen und gesellschaftliches Leben eben anders geworden; wir brauchen heute eine andere Art von Städtebau. Und dann machen wir noch weiter Fehler, indem wir nachverdichten. Das Problem ist nicht das bauliche Dichteverhältnis. Mit den jetzt geplanten Reihenhäusern nehmen wir aber vielen, die sich dort wohl gefühlt haben, den Raum weg, in dem sie eine gewisse Freiheit verspürt haben: Da gibt es eine Fläche, die darf ich besetzen, die kann ich selbst "bespielen"; das nehmen wir ihnen weg und daher war ich von Anfang an gegen das Reihenhausprojekt.“ 

Anstoß geben 

Integrierte Stadtentwicklung, Zukunft am Lech, das war eines Ihrer großen Themen. Jetzt haben wir „Knoflacher“ beschlossen, setzen ihn aber nicht um... 

Michler: „Man müsste die Ziele, die in Knoflachers Konzept enthalten sind, bei jeder Sitzungsvorlage mit abprüfen. Es gehört sogar in die Sitzungsvorlage hinein: "Kompatibel mit dem beschlossenen Stadtentwicklungskonzept?" Nur wenn man sich an diese Ziele hält oder eine gute Begründung für die Abweichung hat, sollte das jeweilige Projekt dann vorangetrieben werden. So wie es jetzt läuft, ist es nicht optimal. Ich bereue dennoch nicht, den Prozess angestoßen zu haben...“ 

Zumal Knoflacher ja Langfrist-Ziele aufzeigt. 

Michler: „Stimmt, aber er hat auch schon bisher viel bei uns bewegt. Die Bürger sagen oft: Bitte bereitet die Ergebnisse noch einmal auf; es ist uns wichtig. Knoflacher hat ja selbst gesagt: Es sind nicht meine Ziele; es sind Ihre Ziele - ich habe sie nur notiert und habe herausgearbeitet, wie man sie erreichen kann.“ (...) 

Auch in Sachen Denkmalschutz tut sich nun wieder etwas. Haben Sie das Bayertor und den Mutterturm nicht arg vernachlässigt? 

Michler: „Wir haben alle Schäden sofort aufgenommen und kartiert. Ich wollte dem Stadtrat eigentlich jedes Jahr einen Bericht erstatten, vor den Haushaltsberatungen für das Folgejahr. Das war nicht gewollt - die Sanierungen hätten die verfügbaren Mittel für andere Vorhaben stark reduziert. Allerdings haben wir schon Gelder für Sanierungen bekommen und auch Mittel aus dem Bauunterhalt verwendet. Wir haben zum Beispiel das Ursulinenkloster saniert; da fehlt jetzt nur noch die Kirche. Dachstuhl, Außenfassade, Fresken in der VHS, das haben wir alles gemacht. Aber die großen Lösungen waren halt nicht gewollt.“ 

Mal umgekehrt betrachtet: An welche Errungenschaften aus dem Bereich des Stadtbauamts denken Sie besonders gerne zurück? 

Michler: „Da gibt es eine ganze Menge. Den Kindergarten in der Reithalle zum Beispiel. Eine tolle Symbiose von Denkmalschutz, sozialen Bedürfnissen, Kultur. Oder der Waldfriedhof, der irgendwie kasernenmäßig aussah und dessen technische Infrastruktur hinüber war; da haben wir mit einem Budget von zwei Millionen eine ordentliche Sanierung hinbekommen. Gut gelungen finde ich auch die Lechpromenade. Den Rathausanbau mit dem Durchgang zwischen Hauptplatz und Hinterer Salzgasse. Auch die kleinen Dinge waren mir wichtig, die neue Spielplatzkonzeption zum Beispiel. Mit Kinderbeteiligung übrigens.“ (...) 

Haben die zehn Jahre in Landsberg Spaß gemacht? 

Michler: „Ehrlich gesagt, als ich anfing, habe ich nicht gedacht, dass mir diese Aufgabe so wichtig werden könnte.“ (...) 

Und jetzt? 

Michler: „Ich werde freiberuflich weiter im Bereich Stadtplanung tätig bleiben. Das Interesse, Städte weiterzuentwickeln, bleibt – das lässt mich nicht los.“ 

Es gibt viele Landsberger, die sagen: Ohne Annegret Michler wird es wesentlich schwerer, hier eine menschliche und moderne Stadtplanung zu machen... 

Michler: „Und andere freuen sich. Bleiben wir realistisch!“

Frau Michler, danke für das Gespräch!

Werner Lauff

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