Stadtmuseum Landsberg: Mittelalterliche Schreibwerkstatt als Ferienprogramm 

Zeitreise ins Mittelalter

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Gar nicht mal so einfach: Eine junge Teilnehmerin der Schreibwerkstatt übt das Schreiben mit Tinte und Gänsefeder.

Landsberg – Wie ist im Mittelalter ein Buch entstanden? Woher kamen die Tinte und die Farben? In der mittelalterlichen Schreibwerkstatt, die das Stadtmuseum Landsberg als Ferienprogramm anbietet, lernen die Kinder viel darüber. Und gestalten mit Rußtinte, Gänsefeder und selbst angerührten Farben ihre eigene Buchseite.

Nach und nach trudeln sie ein, bei Regenwetter, das sie den Besuch im Freibad wohl nicht vermissen lässt. Sieben Kinder möchten mehr darüber wissen, wie früher eigentlich geschrieben wurde. Viel mehr Teilnehmer dürfen es derzeit auch gar nicht sein. Es ist Corona und der Mindestabstand muss eingehalten werden.

Museumspädagogin Regina Kaiser leitet den Sommer-Workshop. Vorab hat sie das möglichst authentische Material besorgt und entsprechende Konzepte erstellt. Denn eine gründlich recherchierte Herangehensweise sei wichtig, sagt sie. Bei der Schreibwerkstatt handele es sich um ein Konzept, das für alle Altersgruppen funktioniere. Das ist wichtig, denn die jungen Teilnehmer sind zwischen sieben und 13 Jahre alt.

Museumspädagogin Regina Kaiser leitet den Sommer-Workshop im Neuen Stadtmuseum Landsberg

„Wer hat eine Ahnung, wie lange das Mittelalter her ist?“ So beginnt Kaiser den theoretischen Teil der Werkstatt. Der Museumspädagogin ist stets der Dialog, der Austausch mit ihren Teilnehmern wichtig, um die trockene Theorie etwas greifbarer zu machen. Gemeinschaftlich kommt man darauf: dass es erst 500 Jahre her ist, dass das Mittelalter endete und dass es erst im Nachhinein so bezeichnet wurde. Wie man unsere Zeit nennen wird, wüssten wir jetzt ja auch nicht. „Vielleicht Corona-Zeit“, sagt eine Teilnehmerin. Historische Fakten und Kulturtechniken mit Spaß zu vermitteln und einen spielerischen Zugang zu Geschichte und Kultur zu finden, sei Teil der museumspädagogischen Programme, so Kaiser. Die Kinder lernen, dass es die Mönche und Nonnen waren, die im Mittelalter lesen und schreiben konnten, dass es in den Klöstern Bibliotheken gab, in denen ihre frommen Schriften aufbewahrt wurden, dass es meist gleichzeitig Schreiber und Maler gab, weil die Bücher damals sehr kostbar verziert wurden, dass mit Gänsefeder geschrieben und mit Kaminruß gemalt wurde. Immer wieder dürfen sie anschauen, fühlen, erspüren und sollen das in Worte fassen. „Rauh“, fühle er sich an oder „klebrig“ – der Klumpen getrockneten Baumharzes, den die Kinder in den Händen halten und den man vor 1.000 Jahren als Bindemittel verwendet hat. Sie fühlen auch Farben aus Erden, die man zerkleinern und zu Pulver verfeinern kann. Begutachten und fühlen Papyrusrollen und Papier aus Tierhäuten. Die Haptik sei sehr wichtig, meint Kaiser. Immer wieder erzählt sie spannende Geschichten dazu. Etwa dass früher manchmal 500 Schafe enthäutet werden mussten, um ein Buch herzustellen. Von Rittern und Knappen, von Karl dem Großen und Maria von Sachsen. Und dann heißt es: selber kreativ werden.

Tinte und Gänsefeder stehen bereit. Die Farben werden angemischt. Damit die Kinder im Anschluss ihre eigene Buchseite gestalten können. Dafür dürfen sie sich einen deutschen oder lateinischen Text zum Abschreiben und gestalten aussuchen. Wichtig sei der erste Buchstabe – die Initiale – der sei früher sehr aufwendig verziert worden. Emsig machen alle erste Schreibversuche mit der Feder. „Das ist gar nicht mal so leicht“, sagt Silvana. Aber je mehr man übe, desto besser werde man. Und das sieht man – wunderschöne, kreative Buchseiten sind entstanden.

Die Kinder nehmen viel mit aus dem Workshop. „Es ist für sie eine Annäherung an die Geschichte – durch die Vermittlungsarbeit, die Theorie und Praxis miteinander verbindet“, so Kaiser. Man lerne das Schauen, das Hinsehen, das Verstehen durch das eigene Tun.

Ihre Werke dürfen sie mit nach Hause nehmen – und noch ganz viel mehr.

Andrea Schmelzle

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