Ein ermüdender Papierkrieg

Stadttheater: Anna Seghers "Transit" in der Inszenierung des LTT

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Die fremde Identität des Autors Weidel im Koffer: Jürgen Herold als Erzähler in „Transit“, das das Landestheater Tübingen im Stadttheater zeigte.

Landsberg – Alles ist zerbrochen. Freundschaften, Heimat, Wahrheit. Und irgendwann auch die Identität. Anna Seghers Roman „Transit“ beschreibt dieses Verlieren der eigenen Person deutlich, in Passagen abstrahiert, keine leichte Kost. Dass die Inszenierung des Landestheaters Tübingen (LTT) keine Komödie sein würde, war zu erwarten. Dass sie Seghers Absurdität so auf die Spitze treibt, nicht. Zu sehen war einerseits eine getreue Roman-Nacherzählung. Die aber nicht auf die Handlung allein vertraut, sondern Absurdität und Symbolhaftigkeit weiterdreht. Ein adäquates Mittel - das aber auf Dauer eher ermüdend wirkt.

Es ist die Zeit des zweiten Weltkriegs, zahllose Menschen fliehen vor den Nationalsozialisten. So auch der Erzähler, Seghers Protagonist. Er landet schließlich in Marseille, dem einzigen, noch freien Überseehafen. Ein Ort des Transits, „hier kann man nicht bleiben“. Denn hier warten die Menschen auf die Ausreise. Und scheitern, entweder an der vollkommen absurden Bürokratie, einem Papierkrieg, oder daran, dass das Schiff in die Freiheit niemals ankommt. Wie auch die Montreal, auf dem des Erzählers Liebe in eine bessere Zukunft reisen wollte.

Die Inszenierung des LTT startet wie Seghers Roman mit dem Ende: dem Untergang der Montreal. Und springt dann zum Anfang. Seghers Rahmen, die Pizzeria, in der der Erzähler einem stummen Zuhörer – in diesem Fall das Publikum – „alles erzählen will, vom Anfang bis zum Ende“, ist durch den typischen Holztisch mit karierter Tischdecke (Bühnenbild: Kathrin Krumbein) angedeutet.

Die Heimat, „ein Tisch, an dem man für dich auseinanderrückt“, haben alle da schon verloren. Dem Erzähler, an sich schon ohne Namen, kommt auch noch seine Identität abhanden: Ihm wird unfreiwillig die des Autoren Weidels übergestülpt, der unter dem Decknamen Seidler reist. Ein Zufall, der sein Leben bestimmen wird. Auch wenn er selbst glaubt, „was ein Zufall ist, kann niemals Schicksal werden“. Aber das Chaos hat begonnen: in der Mitte des Menschen, dem sein Ich abhanden kommt.

Auch in der Fremdenlegion ist längst das Chaos eingezogen.

In der Inszenierung des LTT wird dieser Bruch immer wieder anschaulich. Indem die Schauspieler aus ihrer Rolle heraustreten und zu Musikern werden, die das Spiel ihrer Kollegen am Schlagzeug auf der Bühne begleiten. Oder durch absurd wirkende Tanzeinlagen, zum Beispiel das Dreiecksverhältnis zwischen Marie (Florenze Schüssler), dem Arzt (Dennis Junge) und dem Erzähler (Jürgen Herold). Manch Schauspieler gibt Geräusche von sich, die Sprache mutiert zu Lauten ohne Inhalt, bei der Fremdenlegion scheinen Affen zu turnen.

Regisseur Akillas Karazissis weiß, wie man eine gebrochene Welt darstellt. Das Bühnenbild, das mehrere Orte in einem darstellt, tut das Seine. Alle Schauspieler überzeugen. Sie spielen distanziert – aber das gehört zum Prinzip Karazissis. Die absurd wirkenden Brüche in der Handlung – das Tanzen, die Geräusche, die Musik, die selbst nach Halt zu tasten scheint – all die Einzelteile, die wie ein Puzzle zusammengehören, aber nicht passen wollen, brechen das Stück auf. Aber auch auseinander. Seghers roter Faden, der Erzähler, geht in Karazzisis Inszenierung ebenso wie die anderen Figuren im Chaos verloren.

Das ist zu Beginn verwirrend. Auch aufregend. Der Zuschauer muss sortieren, wird in die Bühnenwelt hineingezogen. Doch mit der Zeit (das Stück dauert zwei Stunden) ist nicht nur der Erzähler des Wartens müde. Sondern auch der Zuschauer. Vielleicht hätte ein aktueller Bezug einen vagen Rahmen geben können. Doch auch auf den verzichtet das LTT. Leider.
Susanne Greiner

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