Das Metropoltheater zu Gast

Stadttheater Landsberg: Im Schatten der Schwester

Schauspielerin  Sophie Rogall als Ismene in Landsberg
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Sophie Rogall als Ismene in „Schwester von“, mit dem das Metropoltheater München im Stadttheater Landsberg letzte Woche an zwei Abenden gastierte.

Landsberg – Kennen Sie Valentin aus Goethes „Faust“? Nein? Kein Wunder, versinkt der ach so Tugendhafte ja auch im Schatten seiner berühmten Schwester, dem Gretchen. Ein ähnliches Schicksal wie Valentin – zu wichtig zum Streichen, zu nichtig zum Merken – durchleidet Ismene, Schwester der heldenhaften Antigone. Die niederländische Dramatikerin Lot Vekemans hat Ismene in ihrem Monolog „Schwester von“ aus dem Schatten geholt. Und mit Sophie Rogall in der Inszenierung des Metropoltheaters wird aus ihr ein Mensch aus Fleisch und Blut. 

Wer da auf der Bühne steht, weiß der Zuschauer nicht. Auch nicht, wo diese Person steht. Es scheint ein Niemandsland zu sein, ein Unort. Zu sehen ist ein Haufen schwarzer Kleider, fließend am Boden verteilt, im Hintergrund ein geschlossenes Tor. Scheinwerfer lassen blaues Licht über den Boden fluten. Dazu tönt Musik, drückender Takt, ätherische Melodie, irgendwas mit „Sewing in the River“ im Text. „Gleich lassen sie die Hunde los“, sagt die Frau, die da steht. Und wartet. Darauf, das jemand „über sie urteilt“. Aber niemand ist zu ihr gekommen. Denn schon seit 3.000 Jahren ist sie „kein Thema“.

Als sie über den Vater, die Brüder und „selbstverständlich, die Schwester“ spricht, wird die Person definierter. Aber erst, als sie ihren Vater erwähnt, „der mein Halbbruder war, der Sohn seiner Frau, meiner Mutter“, schält sie sich aus dem Dunkel: Ismene, eine Nebenfigur Sophokles‘, Schwester von – Antigone. Sie will endlich ein Urteil, verlangt sie vom Publikum. Aber erst, nachdem sie ihre Version der Geschichte erzählt hat.

Ismene ist die Antiheldin, die „tatenlose Schwester“. Die, die zu ‚feige‘ ist, ihren Bruder Poli­neikes trotz Kreons Verbots zu beerdigen. Die, die Sophokles nur als Gegenpol braucht. Und deshalb die, die sich nur als Negativ zu Antigone definieren lässt. Aber wer ist sie eigentlich?

Für Vekemans ist Ismene vor allem ein Mensch: die „einzig Normale“ einer verrückten Familie, eine Frau, die mit sich hadert, die keine klaren Grenzen zwischen Gut und Böse ziehen kann. Ismene kann sich nicht entscheiden, „ich war in der Schublade ‚kann warten‘„ – bis ihr Nicht-Entscheiden zur Handlung wird.

Für sie ist es unmenschlich, wenn ein Bruder den anderen als Feind bezeichnet, nur um den Idealen oder der Gerechtigkeit zu folgen. Was ist schon gerecht? „Man kann einem Menschen nicht abverlangen, sein eigenes Todesurteil zu sprechen“, urteilt sie über das Heldentum ihrer Schwester. Sie hatte hingegen Angst zu sterben. „Aber kann man mir das vorwerfen?“ Ihr ging es ums Leben und am Leben bleiben: „Hunger, essen, Schluss mit Hunger.“

Verständnislos berichtet sie von Antigones Selbstmord in Kreons Gefängnis, der eine ganze Kette an Selbstmorden nach sich zieht. Weil jeder im Angesicht von Antigones vermeintlich selbstlosem Handeln versagen muss. Und dann bricht es aus Ismene heraus: „Ich hasse sie.“ Zumindest dieses unmenschlich Heldenhafte in ihr.

Regisseur Domagoj Maslov lässt Sophie Rogall viel Raum. Nur dezent hecheln die Hunde im Hintergrund, ab und zu untermalt von Benedikt Zimmermann eigens komponierter Musik. Ansonsten steht Ismene im dunklen Kleid fast bewegungslos, keine Geste ist zu viel: Ihr Gesicht wirkt nie verzerrt, die Mimik nie übertrieben. Mal macht sei einen Schritt nach vorne, mal formt sie die Arme zu Flügeln, breitet sie aus. Aber was zählt, sind ihre Worte, ist die Sprache. Die Schauspielerin und Tänzerin ist dabei personifizierte Präsenz. Kein Wort versinkt, während sie in ihrer Rolle lebt. Ismene spricht das Publikum direkt an, aber meint nie den einzelnen, sondern die Menschheit. Und gerade deshalb hört jeder ihr zu. Die eine Stunde Spieldauer vergeht im Flug.

Das Bühnenbild von Maslov und Cornelia Petz ist angenehm vage – wie so ein Unort wohl aussehen muss. Es wandelt sich erst am Ende, wenn Ismene die Arme hebt, das Hecheln der Hunde – als Leichenfledderer der Inbegriff ihres schlechten Gewissens? – verstummt, die Musik vom Tauchen im Fluss erzählt. Und dann öffnet sich das Tor, befreit Ismene aus ihrem Gedankengefängnis. Weil sie sich am Schluss fragt, was sie tun würde, dürfte sie „den Augenblick wiederholen, in dem ich am allerglücklichsten hätte sein können.“ Weil sie letztendlich auf das Urteil der gesamten Menschheit, ihres Publikums, verzichtet. Und weil sie sich damit nicht mehr nur in Abgrenzung zur Schwester sieht. Sondern als das, was sie ist.

Heute Abend (Freitag, 18. September) gibt es eine zweite Aufführung des Stückes im Landsberger Stadttheater. Beginn ist 20 Uhr. Es gibt noch Karten.

ks

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