Der Mut zum Miteinander

Duncan Macmillans „Atmen“ in einer Inszenierung des Metropoltheaters 

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„Sie“- und „Er“-Darsteller Agnes Decker und Benedikt Zimmermann im coronakonform ausgestatteten Stück „Atmen“.

Landsberg – Wie sieht das Morgen aus? Wie die nächsten 20 Jahre? Menschen lieben Sicherheit. Deshalb planen sie. Auch, wann man ein Kind bekommen könnte. Oder ob man das angesichts der Weltlage überhaupt sollte. Auch das Paar in „Atmen“, mit dem das Metropoltheater im Stadttheater gastierte, stellt sich diese Fragen.

Kreisen die Worte anfangs noch um das „Sollen wir?“, fokussieren sie sich immer mehr auf die Frage dahinter: auf das „Schaffen wir das überhaupt?“ Die Antwort zeigen Er und Sie in einem Wort-Feuerwerk, das zwei Leben auf eineinhalb Stunden komprimiert.

Der Zeitpunkt, den Er für die Frage „Baby?“ auswählt, ist denkbar schlecht: bei Ikea an der Kasse. Sie: „Das ist, als ob du mir eine reinhaust und direkt danach eine Matheaufgabe stellst.“ Wann der richtige Zeitpunkt wäre, will er wissen. Sie: „Weiß ich nicht, nur nicht gerade jetzt.“ Die Babyplanung des namenlosen Paares, das Macmillan präsentiert, schlittert von Anfang an über brüchiges Eis. Und obwohl Er und Sie ‚darüber reden‘ wollen, kommt es nie zum Dialog.

Sie überlegt, was das heißen könnte: ein ‚Kind‘, diese „Erweiterung eines Ausdrucks von … dings … Liebe. Und dann werden sie erwachsen, ziehen aus und hassen dich.“ Auf ihre widersprüchlichen Gefühle reagiert Er mit Ratlosigkeit. Mit Theorien über das Große Ganze, dass sie gute Menschen seien, dass man die Welt nicht denen überlassen sollte, die nicht nachdenken. Dass sie Bäume pflanzen werden, um den CO2-Abdruck ihres Kindes auszugleichen.

Den Entschluss für ein Baby trifft letztendlich jeder für sich allein. Die Handlung läuft im Zeitraffer. Zwischen Jahren liegt ein Cut, eine Sekunde Dialogpause: Er ergreift den soliden Job, Sie wird schwanger, hat eine Fehlgeburt, sie trennen sich, sehen sich wieder, gehen miteinander ins Bett, Sie wird schwanger. Und dann kommt die Geburt: der einzige Moment, den das Paar gemeinsam erlebt, in dem es wirklich zusammen ist.

Regisseur Domagoj Maslov nutzt mit seinem Bühnenbild die aktuelle Situation: Sie und Er stehen auf einem engen Podest, durch Plexiglaswände getrennt – coronakonform und aussagekräftig. Beide blicken starr nach vorn, nur in der Geburts-Szene wenden sie sich einander zu. Für minimale Bewegung sorgen zwei ‚Sprungbretter‘, auf denen die Schauspieler stehen: Je mehr unausgesprochene Emotionen, desto höher wippen sie auf der Stelle: Energie, die verpufft.

Stand bei der deutschsprachigen Erstaufführung in der Schaubühne Berlin noch das ‚klimaneutrale Theater‘ im Mittelpunkt – die Schauspieler erzeugten per Radeln die fürs Stück notwendige Energie –, zeigt Maslov, dass die ökologisch-theoretische Frage nach dem „Sollen wir?“ nur der Deckmantel für die emotionale Frage nach dem „Schaffen wir das?“ ist.

Die Frage nach dem Mut, sich füreinander zu entscheiden. Eine Ausrichtung, die dem Stück guttut. Dass das Metropoltheater im Foyer spielt, ist ebenfalls sinnvoll. Das Zwei-Personenstück, ohne Bewegung, vor coronabedingt ausgedünntem Publikum im Saal, hätte an Intensität verloren.

Eine Intensität, die vor allem durch die Schauspieler entsteht: Agnes Decker schrappt stets an der Grenze zur Hysterie, ohne aufgesetzt zu wirken. „Manchmal schaust du mich an wie ein Kreuzworträtsel“, sagt Sie zu Ihm. Und Benedikt Zimmermanns Gesichtsausdruck zeigt genau das.

Mit so wenig Mimik das komplette Nichtverstehen des Gegenübers auszudrücken: hohe Kunst. Wie Decker

Worte in halben Sätzen feuert, die Zimmermann mit falschen Ergänzungen weiter verknotet, ist grandios. Was die beiden präsentieren, sind zwei zerfetzte Monologe, die aneinander vorbeirauschen. Eine Situation, die in Bann schlägt. Der Wiedererkennungseffekt ist groß. 

Susanne Greiner

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