Launischer Lausejunge Amor

Die Shakespeare Company Berlin glänzt mit "Verlorene Liebesmüh"

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Die Berliner Shakespeare Company zeigte "Verlorene Liebesmüh" im Landsberger Stadttheater - zur Freude des Publikums, das mit Zwischenapplaus und Jubelrufen reagierte.
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Die Berliner Shakespeare Company zeigte "Verlorene Liebesmüh" im Landsberger Stadttheater - zur Freude des Publikums, das mit Zwischenapplaus und Jubelrufen reagierte.

Landsberg – Natürlich geht es um Liebe. Die darf bei Shakespeares Komödien nie fehlen. Aber eigentlich ist „Verlorene Liebesmüh“ ein Stück über Sprache – die als Vermittlerin der Liebe so gnadenlos versagen kann. Zumindest, wenn sie sich in Wortgedrechsel verschraubt, den Wortwitz zum alleinigen Sinn erhebt und so zum Selbstzweck verkommt. Dass diese ‚Antisprache-Aussage‘ dennoch unglaublich wortgewandt und mit großem Sprachwitz verpackt einen extrem unterhaltsamen Abend generieren kann, bewies die Shakespeare Company Berlin im Stadttheater – mit ungebremster Liebe zum Wort.

Dass es um Sprache geht, zeigt Shakespeare schon im Stücktitel: „Love’s Labour’s Lost“ lockt die Alliteration. Dass es auch Regisseur Jens Schmidl um Sprache geht, macht das sechsköpfige Ensemble der Shakespeare Company in ihrem Anfangssong klar. Ein kompletter Nonsenstext. Aussagelos und dennoch schön – die perfekte musikalische Umsetzung eines Wortwitzes.

Zudem ist die Handlung des Stückes nicht wirklich tragend: Der König von Navarra (Benjamin Plath) beschließt mit seinen Begleitern Byron (Thilo Herrmann) und Dumain (Thomas Weppel), eine „Akademie im Kleinen“ zu gründen. Samt einer eidlichen Absage an sämtliche Genüsse – worunter auch Frauen fallen. Allein dem Wissen mag man sich widmen, um Ruhm als „Zier in der Schmach unseres Todes“ zu genießen. Worauf sich einer gleich im Reclam-Heftchen vertieft.

Eine Milchmädchenrechnung: Das Leben ist zu lebendig, die hehre Akademie zum Scheitern verurteilt. Nicht nur warnt Byron sogleich vor der Übermacht der Triebe. Zudem muss gerade jetzt die Prinzessin Frankreichs (Isabelle Feldwisch) samt weiblicher Gefolgschaft Katharine (Vera Kreyer) und Rosaline (Johanna-Julia Spitzer) am Hof auftauchen – wobei Byron, ganz romantischer Triebcharakter, gleich mal am Hintern Rosalines Maß nimmt. Aber wenn Shakespeare schon drei Männlein auf drei Weiblein treffen lässt, bleibt die synchrone Verliebtheit nicht aus. Wirrwarr hin, Durcheinander her – am Ende steht zwar nicht das Happy End („Hans hat kein Gretchen“), aber zumindest ein mattrosa Glühen.

Die Handlungsarmut wurde dem Stück oft angekreidet. Geschrieben Ende des 16. Jahrhunderts, nahm es aktuelle Machtrangeleien auf, parodierte das elisabethanische Zeitalter. Was dazu führte, dass der Text im Lauf der Zeit an Aussagekraft und Verständlichkeit verlor. Erst Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten die Theater das Stück neu. Und schälten das Thema heraus, das die Zeit überdauert: die Sprache.

Dass die der Liebe kaum gerecht werden kann, zeigt Shakespeare an einer der Comedia dell‘ Arte entlehnten Figur besonders deutlich: Don Armado, „eitler Spanier, Worterfinder und Modenarr“ – eine Rolle, in der Kreyer brilliert. Aus „Mädel“ wird bei Armado der „Spross der Urmutter Eva“, drei Jahre dauern bei ihm nur so lang, wie die Aussprache der beiden Worte benötigt – mehr Lebensfremdheit ist kaum möglich. Und wenn ihn die Liebe samt „Corazón“ und „Pasión“ überwältigen, ruft er „Oh Gott, steh mir bei, aus mir wird ein Sonett!“

Aber auch die Herren der hohen Gesellschaft stümpern. Ihre Liebesbriefe triefen vor Worthülsen, die in den festkartierten Bahnen romantisch besetzter Poesie verlaufen. „So viel Liebe in Reimen, wie sich auf ein Blatt stopfen lässt“, urteilt die Prinzessin über des Königs Worte, „zigtausend Verse eines Schwerfälligen“, beschreibt Katharine Dumains Brief. Worte, die nicht die Person meinen – und deshalb auch entzücken, wenn der Brief die falsche Adressatin erreicht: „Kann jemand lesen?“ fragt Milchmädchen Jaquenetta (eine grandiose Travestierolle für Herrmann). Und zerfließt, wenn ihr der Herr aus der ersten Reihe die Liebesworte deklamiert, die eigentlich Rosaline meinen.

Liebe raubt den Männern die Sprache. Der König stammelt, Dumain bricht in archaisches Wolfsgeheul aus. Und selbst der wortgewandte Byron verdammt Amor zum „launischen, lasziven Lausejungen“, zum „General der Vekuppler“, der aus ihm den „Titan der Taugenichtse“ macht. Was bleibt? „Männer, wie wär’s mit einem Schnaps?!“ Vergessen ist die Philosophie. Liebe ist die wahre Weisheit, weiß Byron. Sie fühlt mehr, als es „das Fühlhorn einer Schnecke kann“. Und „in den Frauenaugen funkelt des Prometheus Feuer.“

Dann steht dem Happy Ende ja nichts mehr im Wege? Denkste. Am Ende kommt die Schwermut: Der König Frankreichs stirbt, die Damen müssen abreisen, und das, nachdem sich die Herren in ihrem Liebeswerben komplett gegen die Wand gefahren haben. Gerade noch kriegen sie die Kurve und gestehen ihre Liebe, direkt, ohne gekünstelte Phrasen, Angesicht in Angesicht: „Ich lieb dich, ehrlich, echt.“ Doch die Damen fordern ein Pfand: Ein Jahr warten. Und Rosaline? Die verlangt von ihrem Byron ein Jahr ohne Spott und Zynismus. Ein Jahr ohne Sprachwitz. Ob er das einhalten kann? Das Stück verrät es nicht.

Shakespeare als der Mann des kongenialen Sprachwitzes schlechthin scheint sich im wortgewandten Byron selbst zu parodieren. Und hebt diesen Charakter am Ende aus dem Stück heraus: wenn er ihn sagen lässt, dass hier doch irgendwie das Happy Ende fehle. Und als der König ihn um Geduld bittet, in einem Jahr komme es ja, sagt Byron nur: „So spielt das Stück zu lang.“ Shakespeare kann das Spiel mit der Sprache nicht lassen. Ja, sie hat Schwächen. Aber ist und bleibt ein Genuss.

Die Shakespeare Company setzt das Stück genial um. Sechs Schauspieler übernehmen 14 Rollen mit oft rasanten Kostümwechseln. Das Bühnenbild besteht aus Hochsitz und Leiter, die die Schauspieler auch mit den Zuschauern im ersten Rang interagieren lassen, und aus drei Stühlen – nahezu nichts, aus dem ein ganzes Königreich entspringt. Die Kostüme sind grandios schrill, wenn es ums Spiel geht – insbesondere bei der genialen Showeinlage der als Russen verkleideten Männer –, schlicht, wenn die Gefühle im Vordergrund stehen. Und Schmidls Regie badet in Shakespear‘scher Wortkunst, ohne die Unterhaltung zu vergessen. Shakespeare hätte seine wahre Freude gehabt.

Susanne Greiner

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