"Wenn du einmal groß bist"

Ein Bilderbuch aus Theresienstadt wird zur Vorlage für ein Theaterstück

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Schauspieler Alexander Baginski in „Wenn du einmal groß bist“.

Landsberg – „Ihr habt meinen Vater wieder lebendig gemacht“ steht im Gästebuch des Pantaleon Figurentheaters. Geschrieben hat es David Haas, Sohn von Tommy Fritta-Haas. Das Stück, auf das sich der Eintrag bezieht, spielt in Theresienstadt. Die Protagonisten sind Tommys Vater Bedrich Fritta, der dreijährige Tommy, ein NS-Offizier. Aber Hauptrolle gehört einem Bilderbuch. Das Buch, das Fritta für seinen Sohn malte. Um ihm eine mögliche andere Welt zu zeigen. Tommy hat überlebt. Und sein Sohn David war bei der Uraufführung von „Wenn du einmal groß bist“ in München dabei.

Das Bühnenbild ist schlicht: Kleiderständer, Tisch, daneben Maria Dafka, die mit Akkordeon begleitet. Und auch den ersten Auftritt hat: „Ich kenn ein kleines Städtchen, ein Städtchen ganz tiptop, ich nenn es nicht bei Namen, ich nenn‘s die Stadt Als-ob.“ Gemeint ist Theresienstadt, das von den Nazis als „Vorzeigeghetto“ errichtete Lager bei Prag. Schauspieler Alexander Baginski schlüpft in die Rolle des Vaters Bedrich Fritta und in die des NS-Offiziers. Ist er Bedrich, wird Tommy eine Puppe. Spielt er den Offizier, „verpuppt“ sich Bedrich. Die Szene wird von einer grellen Schreibtischlampe beleuchtet: ein Verhör.

Hintergrund der Szene ist ein Bild Frittas. Nicht eines der Bunten, die er in seinem Bilderbuch für Tommy festgehalten hat. Sondern eines, das das reale Ghetto zeigt. Wegen denen Fritta das Privileg, mit Frau und Sohn in einem Zimmer leben zu dürfen, aufgab. Denn seine Mitstreiter verriet er nicht. Die Verhörsituation im Stück tropft vor Zynismus. Besonders gern hört der Offizier Judenwitze. Auch sonst vergreift er sich in einem falsch-loyalen Ton, der das Grauen nur umso deutlicher macht. Im Gegensatz stehen die Szenen mit Vater und Sohn. Bedrich erzählt Tommy von der Welt draußen; von Chinesen, Indianern und den „Schwarzen“. Lässt ihn mit einem „Schubladenflugzeug“ nach Amerika fliegen. Eine wörtliche und ideelle Blumenwiese. Nur manchmal blitzt die Realität auf. Wenn Tommy zum Beispiel auch diesen „schönen gelben Stern“, diese gestreifte Jacke will. Oder eben am liebsten mit dem Zug reist.

Die Idee, das Bilderbuch zu inszenieren, hatte Baginski. Und wandte sich damit an Regisseur Ioan Toma. „Dass ein Mensch in dieser Situation ein Buch so ohne jeglichen Hass schreiben kann, hat mich fasziniert“, erzählt Toma. Herausgekommen ist ein erstaunlich unspektakuläres Stück. Das wahrscheinlich genau deshalb umso wirkungsvoller ist. Auch Tommys Sohn hat es gefallen. Sein zweiter Kommentar im Gästebuch ist: „Ihr habt Großvater Bedudu seine Würde wiedergegeben.“

ks

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