"Nebel im August"

Landestheater Schwaben überzeugt mit Stück über Euthanasieverbrechen

Angeklagt wegen Euthanasieverbrechen: „Nebel im August“ in der Inszenierung des Landestheaters Schwaben beschäftigt sich mit dem Fall Ernst Lossa.

Landsberg – Ein kahler Raum, in ihm Menschen in grauer Anstaltskleidung. Es geht um „lebensunwertes Leben“, um vermeintliches Mitleid mit „geistig so ausgezehrten Menschen, dass Heilung nicht möglich ist.“ Der Raum ist Krankensaal und Gericht zugleich. Denn das Landestheater Schwaben verhandelt den Fall Ernst Lossa: 1929 in Augsburg geboren, als Psychopath abgestempelt, 1944 in der Zweigstelle Irsee der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren ermordet – euphemistisch „Euthanasie“ genannt. Das Stück „Nebel im August“ orientiert sich am Prozess gegen Anstaltsdirektor Valentin Faltlhauser. Es endet in der beklemmenden Mordszene. Und all die Worte dazwischen, die kranke Logik der Tätersprache, schnüren einem die Luft ab.

Das Stück ist zweigeteilt. In der ersten Hälfte erläutern die Angeklagten den Ablauf der Maschinerie „Gnadentod“. Schwestern, Verwaltungsangestellte und Pfleger kommen zu Wort. Doch dann tritt ein Junge auf. Seine blaue Hose sticht im grauen Einerlei hervor. Er malt Häuser und Berge an die Wand, ein Gipfelkreuz, ein Kloster: das Panorama Irsees. Lossa ist präsent. Wie auch im Prozess gegen Faltlhuber, in dem die befragenden amerikanischen Anwälte immer wieder auf diesen einen Fall zurückkommen. Im zweiten Teil taucht der Junge nicht mehr auf. Inzwischen ist aus ihm der „Psychopath“ Lossa geworden, auch er in grauer Anstaltskleidung. 

Um sich als Arzt hervorzuheben, öffnet der Darsteller Faltlhubers den Kragen. Zum Vorschein kommt eine Krawatte. Das muss zur Kennzeichnung genügen. Denn Regisseurin Kathrin Mädler lässt jede Figur von mehreren Personen spielen. Die überzeugenden, bis auf wenige Momente distanziert spielenden Schauspieler agieren parallel, sprechen gleichzeitig, wechseln immer wieder die Rollen. Einerseits „die graue Masse“, andererseits das Individuum. „Für mich war das Motiv des Mitleids ausschlaggebend“, gibt Individuum Faltlhauser zu Protokoll. Und dann spricht aus ihm die Masse, wenn er sich des Standardarguments bedient: „Zudem gab die höchste Stelle den Befehl.“ 

Damit ist Hitlers Ermächtigungsschreiben von 1939 gemeint. Es erweiterte die Befugnisse bestimmter Ärzte so, „dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“ Bis 1941 wurden die Menschen mit Behinderungen in Tötungseinrichtungen vergast. Danach ging man dazu über, sie direkt in den Anstalten umzubringen. Wie auch den 14-jährigen Lossa. Ein Halbwaise, der stiehlt und als Psychopath abgestempelt wird. Der den Jenischen angehört, somit „unwertes Leben“ ist. 

Die Rechtfertigungen der Angeklagten ähneln sich: Psychopathen sind „nicht in der Lage, irgendeinem Empfinden Ausdruck zu geben.“ Einer nennt sie „Kinder ohne Seele, dem Tier ähnlich.“ Um sie zu „erlösen“, wird Hungerkost verabreicht. Um diese „Auflösung zu verkürzen“, spritzen Ärzte Luminal. Bei so hartnäckig gesunden Kindern wie Lossa einfach mehrmals. 

Allen Angeklagten ist der Verweis auf den Befehl von oben gemein. „Wenn der Staat ein Gesetz erlässt, dann ist das für mich bindend.“ „Als Beamter bin ich Gehorsam gewohnt.“ Bei der konkreten Frage nach dem Tathergang verweisen sie hingegen auf ihr schlechtes Gedächtnis. 

Und so wird ein „richterlicher Augenscheintermin“ angeordnet. Auf der Bühne führt das zum Nachspielen des Mordes. Lossa, der sich wehrt. Sich windet, versucht zu schreien. Der von seinen Mördern festgehalten wird. Sein Arm fixiert für die zweite, die tödliche Spritze. 

Als Kathrin Mädler ihre Intendanz in Memmingen antrat, beschäftigte sie sich auch mit Lokalgeschichte. So mit Robert Domes Roman „Nebel im August“, die Vorlage des Stücks. Mit John von Düffel konnte sie einen namhaften Autor für die Bühnenfassung gewinnen. Das Stück, das Mitte März in Memmingen uraufgeführt wurde, geht von der kalten Theorie der Gerichtsverhandlung hin zur konkreten Darstellung des Mordes. Der Zuschauer mag sich anfangs noch distanzieren. Doch er wird immer mehr hineingezogen. Das Publikum im gut gefüllten Stadttheater wurde zunehmend stiller. Weniger Husten, weniger Räuspern. Betroffenheit. 

Von Düffel dreht die Perspektive des Romans um, erzählt aus Sicht der Täter. „Ich habe dabei ein Fremdeln verspürt“, erzählt Domes. Aber von Düffel habe ihn überzeugt: „Die Aussagen der Angeklagten sind ja doch selbstentlarvend.“ Als er die Gerichtsprotokolle gelesen habe, sei er verwundert gewesen, dass niemand den Tätern ins Wort gefallen sei: „Man will am liebsten ständig ‚Einspruch‘ rufen.“ Auch Mädler sieht den Perspektivenwechsel als gelungen. Er hole die Zuschauer ins Thema. Nationalsozialismus müsse immer wieder angesprochen werden. Und das „vor allem in Zeiten, in denen so viele Stimmen fordern, die Vergangenheit ruhen zu lassen.“

ks

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