Herzhaft finstere Lebenslieder

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Sieben erstklassige Musiker bilden die Band Dreiviertelbut, auch vom Singspiel am Nockherberg bekannt: Sänger Sebastian Horn mit Dominic Glöbl an der Trompete, Kontrabassist Benny Schäfer und Filmkomponist Gerd Baumann an der Gitarre.

Landsberg – Dunkel sind die Lieder von Dreiviertelblut. Verlorene Liebe, Lüge, Tod. Verlust in all seinen Facetten malt die Ränder ihrer „Finsterlieder“. Doch die wirken alles andere als deprimierend. Zwar locken einen die sieben Musiker zu einer Begräbnisfeier mit Magenbitter und Tränen. Aber immer öfter ziehen sich die Mundwinkel nach oben. Und ab und zu hört man ein Lachen. Denn im Zentrum der Lieder steht eine leise aber unüberhörbare Lebensfreude. Der lauschte das Publikum im restlos ausverkauften Stadttheater bis zum letzten Ton. Und belohnte die bayerische Band mit Standing Ovations.

Einige der ersten Lieder klingen noch in einfachen Harmonien, fast eintönig. Der langsame Walzer „Himmelblau“ erzählt von lauen Nächten in Dur, während Gitarrist Luke Cyrus Goetze mit dem Banjo Countrymusikklänge zupft. „As erschte Moi“ klingt wie ein Liebeslied und „Blutsauger“ tönt im Volksliedstil fröhlich über die bösen Mückenweibchen. Alle drei Songs stammen aus dem ersten Album der Dreiviertelblütler von 2012: bodenständiger, tanzbarer. Dass auch da schon eine wienerische Todesliebe vorhanden ist, zeigt sich in den Texten. Ist der Sommer in „Himmelblau“ noch so lau, den Protagonisten zerfrisst der Kummer. 

Der Schlaflose in „Schaf“ zählt Schafe bis zum Schlaganfall. Und bei „I lieg am Ruckn“ wird‘s mit Wiener Schmäh dann makaber: Ein Toter berichtet gutfrisiert und mit polierten Schuhen aus dem engen und dunklen Sarg. Dass doch seine Liebste an seinem Grab stände und eine Träne vergieße. Möglichst salzig. Denn vielleicht verjagt das die Würmer. Das Lied ist von Ludwig Hirsch, passt aber nicht nur wegen des düsteren Textes perfekt zur Band: Sebastian Horns markant tiefe Stimme, die auch bei den Bananafishbones den Ton angibt, kann Gräber ausloten. Aber da schwingt noch The Cure mit, Nick Cave, viele andere und eben die Volksmusik. Zusammen ergibt das etwas Eigenes, das Dreiviertelblut aus der bayerischen Musikszene herausstechen lässt.

Nach Hirschs Lied wird die Musik vielseitiger, spannender. Da legt Dominic Glöbl an Trompete und Flügelhorn Soli zum Dahinschmelzen hin, oft im Zwiegespräch mit Florian Riedls Bassklarinette, die auch die schrägen Harmonien zum Sterben schön intoniert. So zum Beispiel bei „Ois is koid“, einem Lied mit Weltraumblick auf den kleinen blauen Stein, auf dem es so wunderbare Dinge gibt wie mit offenem Fenster Autofahren. Florian Rein, der auch bei den Bananafishbones am Schlagzeug sitzt, zieht den Rhythmus bei „Im Mai“ unbestechlich an, ein Lied über die tote Liebste im Regen der Apfelbaumblüten. Und Benny Schäfer am Kontrabass ist hörbar der Herzschlag der Band: Bei „A Forest“ von The Cure, eine der drei Zugaben, klingen als letztes seine synkopisch wummernden Saiten. Ta-damm. Ta-damm.

„Die Lieder gehen von den Texten aus“, erzählte Horn in einem Interview. Oder er nimmt sich eine Vorlage wie bei „Der Schläfer im Tal“, ein Lied über einen toten Soldaten nach einem Gedicht von Rimbaud – „das hebt einen gleich in eine andere Liga, ein Gedicht von Rimbaud“, frotzelt der Komponist der Band Gerd Baumann, der auch die Musik zu den Filmen von Marcus H. Rosenmüller schreibt. Horn schreibt, dann macht Baumann die Musik, es gebe selten Unstimmigkeiten. Die Themen der Band sind das, wo man gerne wegsieht: Der Tod, die Lüge, Einsamkeit und die immer unbeantwortet bleibende Frage nach einem Sinn. Oder wie Baumann das in einem Interview ausgedrückt hat: „Dancing Queen ist es nicht.“ Ein Thema zieht sich fast durch alle Lieder: Die Zeit und ihr Vergehen. Und am Rande gibt’s auch Wissenschaft. Dann, wenn Horn versucht, den Goldfolienversuch Rutherfords zu erklären und von Elektronen zu Fußballfeldern, Stecknadelköpfen und einer Suppenschüssel kommt, in der die Welt Platz hat – viel Humor, und nicht nur schwarzer.

Politik kommt auch nicht zu kurz: Baumann ist neben Songschreiber für die Rosenmüller-Filme auch musikalischer Leiter des Singspiels am Nockherberg. Eines der politischsten Lieder, „Mia san ned nur mia“, entstand 2015 anlässlich einer Refugee-Welcome-Veranstaltung. „Sturm“ war der Titelsong des Singspiels im vergangenen Jahr – und nein, es ging nicht ums Wetter, als Dreiviertelblut auftrat, während im Hintergrund die Politikerdoubles in Zeitlupe und roten Rettungswesten versuchten, das Chaos zu lichten. Das Lied mit seiner wehmütig schönen Melodie ist Beklemmung in Reinform, Gurgelzudrehn, Erstarren, Wegducken. Nicht umsonst hieß das Schlusslied des diesjährigen Singspiels „Ein Vorsicht der Gemütlichkeit“. Denn gegen die sticht fast jeder Satz dieser herzlich finsteren Lieder.

Wer gestern keine Karte mehr bekommen hat: Am 21. Juni gibt’s ein Zusatzkonzert. Die ersten 60 Tickets waren am Samstag schon weg. 

Susanne Greiner

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