Start in ein neues Leben

Jochen Griek begleitet ein einmaliges Projekt für Suchtkranke Foto: Osman

Was tut man am ersten Tag des Ruhestandes? Für den Landsberger Jochen Griek war klar, dass er eines nicht tun würde: das Leben eines Ruheständlers führen. Nachdem er 29 Jahre lang ein Therapiezentrum in Bischofsried geleitet hatte, trat er gleich am ersten Tag seines Rentnerdaseins eine neue Beschäftigung an. Der Soziologe und Agraringenieur kümmert sich als Therapeut um Suchtkranke, und zwar im Rahmen eines bayernweit einmaligen Projektes. Er bringt Drogenabhängige als Arbeitskräfte und Quasi-Familienmitglieder auf Bauernhöfen unter und betreut sie dort so lange, bis sie einen drogenfreien Neustart schaffen.

Jochen Griek arbeitet für den gemeinnützigen Verein Prop, der verschiedene Suchttherapien anbietet, unter anderem das Projekt Therapie im Pfaffenwinkel (TiP). Hierbei werden Drogenabhängige auf Bauernhöfe vermittelt, auf denen sie rund ein Jahr lang leben und arbeiten. Die Klienten sind zwischen 18 und Mitte 50 Jahre alt. Es sind Männer wie Frauen, Drogenabhängige, aber auch Alkoholsüchtige. Rund 20 Bauernhöfe zwischen Landsberg und Füssen beteiligen sich an dem Angebot. Es gilt: ein Klient pro Hof. Der Suchtkranke soll ein völlig anderes Umfeld kennenlernen und sich in einen Alltag einfügen, in dem er Familienanschluss findet, seine Fähigkeiten einbringt und Verantwortung übernimmt. Ganz bewusst werden für das Projekt nur Viehhaltungsbetriebe ausgewählt. Hier fällt kontinuierlich Arbeit an, über deren Notwendigkeit es nichts zu diskutieren gibt. „Die Tiere müssen versorgt werden, auch wenn es regnet oder man keine Lust hat – das sieht jeder ein“, so Griek. „Außerdem bringt der Umgang mit Tieren Erlebnisse mit sich, die man anders gar nicht herstellen kann.“ Die Bauern, die einen Drogensüchtigen bei sich aufnehmen, tun dies aus verschiedenen Gründen. Zum einen erhalten sie eine billige Arbeitskraft, zum anderen spielen soziales Engagement und der Wunsch, zu helfen, eine Rolle. Griek pflegt zu allen seinen Bauern intensive Kontakte und ist ständig bemüht, neue Höfe für das Projekt zu gewinnen. Voraussetzung ist neben den räumlichen Gegebenheiten, dass die Beziehungen innerhalb der Bauernfamilie stimmen und ein gesundes Selbstbewusstsein vorhanden ist. Dabei muss keine heile Welt vorgegaukelt werden, im Gegenteil. „Man kann nicht alle Ecken rund machen, damit sich keiner stößt“, meint Griek. „Gelegentliche Konflikte in der Familie können dem Klienten helfen, an seine eigenen Baustellen heranzukommen.“ Auch ist es nicht so, dass jeder auf dem Hof aus Rücksicht auf den Abhängigen auf Alkohol verzichten muss. „Wenn der Bauer ein Bier trinkt, muss der Klient das aushalten.“ Jede Woche besucht der 67-Jährige seine Klienten auf den Höfen und führt intensive Einzelgespräche. Die Therapie gliedert sich in drei Phasen, von der Eingewöhnung über die Hauptphase bis hin zur Vorbereitung der Zeit danach mit Wohnungs- und Jobsuche. Das Konzept hat sich als äußerst erfolgreich erwiesen. „90 Prozent unserer Klienten werden so entlassen, dass sie auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß fassen können“, erzählt Griek. Durch die Arbeit auf dem Bauernhof gewinnen die Klienten Eigenverantwortung und Selbstbewusstsein und haben am Abend das Gefühl, etwas geleistet zu haben. „Und das ist etwas ganz Anderes“, sagt Griek, „als wenn ich tagsüber etwas töpfere, was ich abends in die Tonne schmeiße.“

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