Wie eine Geige mit Zigarre

Stegner und Takahashi brillieren beim Landsberger Rathauskonzert

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Vom Renaissance-Lied bis zum Tango Nuevo: Bratschist Martin Stegner und Tomoko Takahashi am Klavier überzeugten in einem genialen Rathauskonzert.

Landsberg – Etwas größer als die Geige, etwas tiefer, etwas rauchiger: Die Bratsche klingt wie eine Geige, die sich ab und zu eine Zigarre gönnt. Entspannung im Gegensatz zur quirligen Violine. Diese Ruhe, gepaart mit absoluter Hingabe zeichnete Martin Stegners Spiel beim Rathauskonzert am vergangenen Freitag aus. Wobei Ruhe nicht ‚leidenschaftslos‘ bedeuten soll: Vor allem im zweiten Teil des Abends punkteten Stegner und Tomoko Takahashi mit Tango und Jazz voller Leben.

Lässt der zweite Teil des Abends den Frühling erahnen, widmet sich Teil eins eher dem Winter. So ist John Dowlands Lied „If my Complaints could Passions move“ ein dunkles Renaissancestück. Und Brittens „Lachrymae“, Metamorphosen von Dowlands Lied, tragen diese Dunkelheit weiter. Stehen am Anfang nur die ersten Töne des Lieds, scheint das Stück der Weg hin zu Dowlands Melodie, die am Ende schließlich erklingt. Gewidmet hatte Britten das Werk dem schottischen Bratschenpionier William Primrose. Und nicht umsonst fordert es die höchsten Register der Bratsche heraus.

Programmpunkt zwei ist ebenfalls düster geprägt. Mahlers Melodien und Friedrich Rückerts Texte entspringen zwar der Romantik, aber eher deren dunkler Seite. Beide Programmpunkte meistern Stegner und Takahashi mit warmer Präzision und wohltuender Distanz zur manchmal eher fremd-schwelgerisch anmutender Romantik .

Nach der Pause kommt das feuer. Oder wie Stegner sagt: „der besinnliche Teil ist jetzt vorbei.“ Gershwins Preludes , wohl von Chopin inspiriert, sind weitaus jazziger als seine berühmte Rhapsody. Vor allem im Andante glänzt Stegner mit unzähligen Klangfarben. Mal streichelt der Bogen die Saiten und lässt an eine Glasharfe denken, mal drängt er sie und schlenzt die Töne. Takahashi zeigt bewegliche Präzision: Sie trägt Stegners Spiel, lässt ihm Freiraum, hat aber die Zügel in der Hand.

Piazzolla wurde in Argentinien zuerst nicht wirklich geliebt. Man war überzeugt, er habe mit seinem Tango Nuevo den wahren Tango zerstört. Dass Piazzolla dem Tango hingegen eine neue Facette zuschrieb, beweist „Le Grand Tango“, die ‚Vier Jahreszeiten von Buenos Aires‘.

Stegner sieht in dieser Komposition Blöcke, die ihn an Bruckner denken ließen. Und tatsächlich prägen diesen Tango melodische Passagen im direkten Kontrast zum harten Tango-Rhythmus. Beide Musiker brillieren in diesem Stück, zeigen unglaubliche Spielfreude und Leidenschaft. Ein Stück, dass die Schokoladeseiten von Tango und Klassik zum Vorschein bringt.

Die Zugabe rückt wieder in die Romantik – aber in die rosarote: Mit Robert Schumanns Verlobungsgeschenk an Clara endet ein famoses Konzert.
Susanne Greiner

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