Schmuckstück am Bahndamm

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Das „Haus des Jahres 2013“: Die Malerin Annunciata Foresti hat aus dem alten und zuvor schon schmuddeligen Stellwerk in Dießen ein kleines Schmuckstück gemacht.

Dießen – Die Kür zum „Haus des Jahres“ wird in Dießen Jahr für Jahr mit Spannung erwartet. Dr. Thomas Raff hat das Geheimnis in der Jahresversammlung des Heimatvereins gelüftet: Sieger ist ein kleiner Zweckbau. Die begehrte Auszeichnung des Vereins geht heuer an das „Stellwerk“ an der Seestraße.

Seit einigen Jahren ist das Gebäude, das sich mittlerweile in ein Gesamtkunstwerk mit Garten verwandelt hat, im Besitz der Malerin Annunciata Foresti. Ende November 2009 wurde das mechanische Stellwerk, in dem Stellwerkwärter seit 1937 manuell Signale und Weichen stellten und die Schranke nördlich des Bahnhofsgebäudes bedienten durch ein elektronisches Stellwerk in Utting ersetzt. Die Inneneinrichtung und das mächtige mechanische Hebelwerk wurden 2010 ausgebaut. Mit vernagelten Fenstern stand das Stellwerk zum Verkauf.

Annunciata Foresti räumte ein, auf der Suche nach einem Atelier schon längst ein Auge auf das Gebäude geworfen zu haben. Viel Arbeit und unerwartet hohe Investitionen kamen auf die Künstlerin zu: Das Dach war undicht, die Wände waren feucht, ein technisch bedingter Deckendurchbruch und eine Lücke in der Außenwand mussten geschlossen und unzählige alte Telematik-Kabel entfernt werden. Die Elektrik wurde komplett erneuert und eine Heizung eingebaut, ein Zugang zum Grundstück gelegt und ein neuer Boden im Obergeschoss verlegt. Hinsichtlich der Fassadengestaltung lies sich die Künstlerin mit italienischen Wurzeln von einem Genossenschaftsbau auf Murano inspirieren. Schließlich wurde der Garten liebevoll gestaltet, und Rankgitter zur Begrünung der Fassade angebracht.

Fährt man heute mit dem Zug von Norden in den Bahnhof ein, wird man mit dem Schriftzug „Diessen“ begrüßt, der an der Stellwerk-Fassade in neuem Glanz erstrahlt. Reisende in Richtung Geltendorf werden an der Südfassade mit der Aufschrift „Kunst“ verabschiedet. Der im Sommer üppig blühende Garten hat sich längst zum Skulpturengarten gemausert, der ebenerdige Keller ist nun ein stimmungsvoller, begehrter Ausstellungsraum und in ihrem Atelier im Obergeschoss kann Annunciata Foresti bei der Arbeit den wundervollen Blick bis zu den Alpen genießen. Und bis heute winken die Zugführer zu ihr hinauf, wie früher zu ihren Kollegen.

Als „privates Engagement zugunsten der Öffentlichkeit“ bezeichnete Thomas Raff die neue Nutzung des Stellwerks. Aus einem etwas schmuddelig wirkenden Grundstück neben den Gleisen sei ein Schmuckstück geworden. Obwohl das Gebäude aus der Nazi-Zeit stamme, atme es glücklicherweise den Geist des Bauhauses, was bei Zweckbauten aus jener Zeit, anders als bei Gebäuden zur Repräsentation der Macht, gelegentlich der Fall sei, so der Kunsthistoriker. Heute sei das Stellwerk ein „kleines Denkmal der Eisenbahn- und Ortsgeschichte“. So empfindet es auch die Eigentümerin.

Und Annunciata Foresti freut sich, wenn sie Besuch bekommt. Kürzlich schaute Dießens Kulturreferent und Gemeinderat Volker Bippus vorbei. Sein Vater war lange im Stellwerk tätig. Hier hat Bippus, der heute Lehrer ist, als Schulbub gerne seine Hausaufgaben mit Bergblick erledigt.

Ursula Nagl

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