Vom Sterben eines Schicki-Micki

Mit einer packenden Inszenierung von Hugo von Hofmannsthals Mysterienspiel „Jedermann“ hat das Landestheater Schwaben am Freitagabend die aktuelle Theatersaison eröffnet und dabei gezeigt, dass die mittelalterlichen Themen Reichtum, Leichtfertigkeit und Tod eine bestürzende Aktualität enthalten.

Denn der Memminger „Jedermann“ ist kein alter, bösartiger Prasser, dem man sein Schicksal heimlich gönnen würde. Dieser Jedermann, dargestellt von Boris Popovic, ist jung, sehr jung, arrogant und zynisch, aber nicht nur unsympathisch. Eher ein verwöhnter und gedankenloser Mensch, der durch seinen Reichtum zum Egoisten wurde. Man kennt den Typus, er sitzt im Edelbistro neben Dir, fährt im Sportwagen an Dir vorbei, gibt in exklusiven Clubs teure Partys. Was passiert, wenn Gott dem Tod befiehlt, diesen Sünder vor seinen Thron zu bringen? Wie reagiert er? Durch diese Besetzung zeigen sich neue Spannungsfelder im altbekannten Stück: Umso bestürzender wirkt die Nachricht des Todes auf einen so jungen Menschen, auf die Ausgelassenheit treffen Melancholie und nackte Angst, der Glaube an die Treue seiner Freunde offenbart Naivität. Mit seinem brillanten Spiel schafft es Popovic, den Zuschauer auf die Seite des Sünders zu ziehen, erweckt Mitleid mit seinem Schicksal. Einzig die Wandlung von Zyniker zum Gläubigen geschieht ein wenig zu abrupt. Die Inszenierung von Heinz Lukas-Kindermann ist ein Kaleidoskop aus mittelalterlichen Elementen und modernen Zitaten. So spiegelt sich die Tradition des christlichen Mysterienspiels in der Farbwahl der Bühne und Kostüme, der allegorischen Darstellung der Todsünden im Bühnenhintergrund, der Musik, die übrigens live gespielt wurde, und den Gesangs- und Tanzeinlagen. Die modernen Elemente fügen sich harmonisch in diesen Rahmen ein, sogar, wenn der Tod wie ein Mitglied der „Blue Men Group“ aussieht. Ein Drama aus dem Jahr 1911 nach einer Tradition des Mittelalters, in die Gegenwart und mitten in das Bewusstsein der Zuschauer katapultiert durch eine packende und bunte Inszenierung und großartige schauspielerische Leistungen und nicht zuletzt einen überragenden Protagonisten.

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