"G’spinnerte Idee" mit Präzision

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Der Initiative von Astro-Physiklehrer Heinz Reinhardt ist es zu verdanken, dass seit einem halben Jahr eine Sternwarte auf dem Klostergelände von St. Ottilien steht.

St. Ottilien – Seit einem halben Jahr ist die Sternwarte in St. Ottilien in Betrieb. Sie bietet Schülern, Freunden des Klosters und VHS-Gruppen einen faszinierenden Blick ins All – vorausgesetzt, das Wetter spielt mit.

Das tat es in den ersten Monaten nicht allzu oft. Immer wieder mussten Beobachtungstermine abgesagt werden, weil Wolken den Blick auf die Sterne verdeckten. „Nach der Eröffnung im Oktober hatten wir zweieinhalb Monate Nebel“, erzählt Astro-Physiklehrer Heinz Reinhardt, Initiator der Sternwarte. Manche Winternächte waren einfach zu eisig, um es lange in der Beobachtungsstation auszuhalten. 

Denn damit die Luft vor der Linse nicht flimmert, muss innen die gleiche Temperatur herrschen wie außen. Jetzt, da die Abende wieder länger werden, ist es die Helligkeit, die das Sternengucken einschränkt. An einem Abend Mitte März ist noch kein funkelnder Punkt am Himmel zu sehen, als sich eine Eltern-Kind-Gruppe der VHS Ammersee-Nordwest an der Sternwarte einfindet. Um die Zeit bis zur Dunkelheit zu überbrücken, zeigt Reinhardt auf dem Laptop Aufnahmen der Mond-Oberfläche, die er mit seinem Schülern angefertigt hat. 

Die Astro-Fotografie mit einer Spezialkamera ist erst dank der Sternwarte möglich geworden, denn sie erfordert extrem lange Belichtungszeiten und eine erschütterungsfreie Umgebung. Das kleine Gebäude mit der weißen Kuppel, drei Meter im Durchmesser, wirkt an seinem Standort wie ein futuristischer Fremdkörper. Um hierher zu gelangen, läuft man einen Feldweg zwischen einer hohen Hecke und einer offenen Scheune voller Landmaschinen entlang. In der Nähe liegen der Hühnerhof und die Biogasanlage. 

Die Klostergebäude und der Nachbarort Geltendorf sind weit genug entfernt, so dass keine irdischen Lichtquellen den Blick in den Himmel stören. Oder fast keine. Die nächstgelegene Straßenlampe ist den Astronomen ein Dorn im Auge. „Wir hoffen, dass wir von der Gemeinde Eresing einen Schlüssel bekommen, mit dem wir die Lampe selber aus- und wieder anschalten können“, sagt Physiklehrerin Regina Lauffer. Inzwischen ist es dunkel geworden. 

Die VHS-Gruppe ist über eine Metalltreppe in die Kuppel gestiegen und drängt sich gespannt um das dicke 14-Zoll-Teleskop, das auf einer Spezialsäule montiert ist. Sie wurde exakt nach der Erdachse ausgerichtet. Ein kleiner Motor sorgt dafür, dass die Erdrotation kompensiert wird. Soviel Präzision ist teuer: Mit 48 000 Euro hat der Sockel achtmal so viel gekostet wie das Teleskop selbst. 

Ratternd öffnet sich über den Köpfen der Besucher eine Luke in der Kuppel. Reinhardt bringt mit Hilfe eines Computer-Pads das Fernrohr in die richtige Position für einen Blick auf die Venus. Und erklärt, dass der Planet stets von einer Wolkendecke verhüllt ist. „Also gar nicht so, wie Männer sich die Venus vorstellen.“ Auch der Jupiter ist an diesem Abend zu sehen, groß wie eine Ein-Euro- Münze. Seine vier größten Monde sind als helle Punkte zu erkennen, aufgereiht wie an einer Perlenschnur. 

Schüler aller Jahrgänge sind begeistert von der Sternwarte. Das beginnt beim Astro-Workshop der Unterstufe und endet beim Astro-Physik-Kurs der Abiturienten. Für sie geht es nicht nur um einen Blick durchs Teleskop, sondern auch darum, Planetenbahnen und Oberflächen- temperaturen zu berechnen. „Das macht mir am meisten Spaß“, erzählt die 17-jährige Schülerin Regina Herz. Alle werden angesteckt von der Begeisterung ihres Lehrers. „Er ist sehr kompetent. Man merkt einfach, dass das hier sein Thema ist.“ 

Heinz Reinhardt selbst, Oberstudiendirektor a.D. und ehemaliger Leiter des Münchner Dante-Gymnasiums, bleibt bescheiden. Der 75-Jährige nennt die Sternwarte scherzhaft „die g'spinnerte Idee eines alten Physikers“.

Ulrike Osman

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