Mit Stickstoff gegen den Holzwurm

Dießen – Die Restauratoren rücken derzeit den Käfern im Dießener Marienmünster mit Stickstoffbegasung auf den Pelz. Nahezu alle Gegenstände aus Holz sind vom gemeinen Nagekäfer, dem Anobium punctatum, befallen. Bis Oktober bleibt die Kirche daher geschlossen.

Die Schadinsekten haben weder vor den Kirchenvätern und Putten Halt gemacht noch vor Ornamenten oder Bauteilen der Altararchitektur. Bei einem Pressetermin im Marienmünster wird das Ausmaß der Schäden durch Holzfraß deutlich: Kaum ein Holzteil aus Linde, Ulme, Eiche oder auch Fichte steht mehr an Ort und Stelle, sämtliche Figuren wurden abmontiert und das teils mit erheblichem Aufwand. Ein kleiner Kran bewegt die mehr als eine Tonne schweren Kirchenväter im Altarraum. Auch für die großen Schränke muss schweres Gerät eingesetzt werden. Dabei geht das Team rund um den Diplomrestaurator Rainer Sgoff mit den hölzernen Ausstattungsgegenständen um wie mit rohen Eiern. Hilfskonstruktionen aus Stahl sollen Verwindungen in den Figurkörpern vermeiden. Gefährdete Teile sind weich eingepackt, alles ist fein säuberlich beschriftet. Im Altarraum muss nun ein mehrere Meter hohes Zelt für die Begasung der großen Teile aufgebaut werden. In so ein Zelt kommt auch der Schrein der Heiligen Mechtildis mit sämtlichen Reliquien – dass der gemeine Käfer nicht einmal davor Halt gemacht hat, bestürzt Pfarrer Manfred Mayr besonders. Der Vorgang sei jedoch selbst für Textilien unproblematisch, es werde nicht die kleinste Verfärbung geben, versichert Sgoff dem besorgten Pfarrer. Auch die Sakristei muss begast werden. Diese ist bis oben hin voll gestellt mit kleineren, aber mindestens ebenso wertvollen kirchlichen Schätzen wie etwa dem Kreuzweg, Heiligenfiguren oder Möbeln. Ungiftige Prozedur Die Schädlingsbekämpfung selbst ist relativ simpel und ungiftig, weil nur mit Stickstoff gearbeitet wird. Bei diesem umweltschonenden Verfahren wird in gasdichten Zelten der Luft der Sauerstoffanteil (etwa 20 Prozent entzogen, was zu einer Stickstoff-Konzentration von beinahe 100 Prozent führt, wie Sgoff erläutert. Acht Wochen dauert es in etwa, bis die Fraßinsekten in den Holzobjekten durch den Sauerstoff-Entzug abgetötet werden. Sgoff prüft den Erfolg der Behandlung, die so genannte Entwesung, mittels Holzprüfkörpern. Nach Anwendung dieses Verfahrens bleiben keine giftigen oder die Umwelt belastenden Rückstände auf den behandelten Kunstobjekten und Bauteilen zurück. Gefahr für Menschen, die unmittelbar dort arbeiten, sich im Kirchenanbau aufhalten oder in der Nähe leben und arbeiten besteht zu keiner Zeit, betont der Diplomrestaurator. Ebenfalls für Menschen ungiftig ist die wässrige Borsalzlösung, mit der Rohholz-Teile wie Stiegen, Fußböden oder Kniebänke behandelt werden. Die Anobien werden durch Fraß der mit Lösung getränkten Holzsubstanz abgetötet. Außerdem nutzen die Restauratoren die Gelegenheit zu restauratorische Maßnahmen an den Kunstgegenständen. Alles wird gereinigt. Und wo die Fraßinsekten besonders tiefe Spuren hinterlassen haben, muss das Holz gefestigt und stabilisiert werden. Die Maßnahmen dauern voraussichtlich bis Oktober, erläutert Alfons Lenz, beim Straßenbauamt Weilheim für die Hochbau-Abteilung Landsberg zuständig. Die Holzschutzmaßnahme bildet den Abschluss der seit 2003 immer wieder durchgeführten Sanierungsarbeiten am Marienmünster. Angefangen beim Hagelschaden – zahlreiche historische Butzenscheiben mussten ersetzt werden – bis hin zu Dacheindeckungen, Arbeiten an Nord- und Westfassade und der kompletten Überholung des Hauptportals, kosten die Maßnahmen rund 1,2 Millionen Euro. Der Freistaat übernimmt davon etwa 800.000 Euro.

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