Demo am Staatsgut bei Penzing

»Stillern soll still bleiben«

Demo Stillern Hartmann
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„Fläche ist das knappste Gut, das wir haben“: Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag Ludwig Hartmann (Mitte) und Grünen-Landtagsabgeordnete Gabriele Triebel (rechts daneben) bei der Demo am Staatsgut Stillern.
  • Ulrike Osman
    VonUlrike Osman
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Penzing/Stillern – Kein Gewerbe auf der grünen Wiese: Die Pläne, auf dem Gelände des Staatsguts Stillern einen holzverarbeitenden Betrieb anzusiedeln, stoßen auf heftigen Widerstand. Über 100 Menschen folgten einem Aufruf des Grünen-Kreisverbands und demonstrierten am Samstag gegen das Vorhaben.

Neben Bürgern aus den Gemeinden Penzing, Schwifting, Schöffelding und Windach sowie einigen Vertretern der Landkreis-Grünen fanden sich auch Ludwig Hartmann und Gabriele Triebel, Fraktionsvorsitzender und Abgeordnete der Grünen im Landtag, Vertreter von ÖDP, Bund Naturschutz (BN) und Landesbund für Vogelschutz (LBV) auf der Zufahrt zur Einöde abseits der A96 ein. „Stillern soll still bleiben“, „Hände weg vom Grundwasser“, „Fakten auf den Tisch – Bürgerbefragung“ stand auf mitgeführten Plakaten der Demonstranten.

Dabei ist es nicht das ansiedlungswillige Unternehmen selbst, das in der Kritik steht. Es handelt sich dabei um die in Feldkirchen bei München ansässige Firma Steico, die Holzfaser-Dämmstoffe herstellt. Was die Proteste auslöst, ist der geplante Standort. Warum ausgerechnet auf einer landwirtschaftlichen Fläche weitab von Bebauung der richtige Platz für einen Industriebetrieb sein soll, leuchtete auf der Demo niemandem ein.

Peter Satzger, Zweiter Vorsitzender der BN-Kreisgruppe, rechnete vor, dass der Landkreis in den vergangenen 35 Jahren bereits 4.000 Hektar an landwirtschaftlicher Fläche eingebüßt habe. „Fläche ist das knappste Gut, das wir haben. Die Erde können wir nicht aufblasen“, sagte er unter dem Beifall der Anwesenden. Hinzu komme die Problematik eines sinkenden Grundwasserspiegels einerseits und des hohen Wasserbedarfs eines Holzwerks andererseits.

Auch widersprächen die Pläne dem Anbindegebot aus dem Landesentwicklungsprogramm, das Gewerbegebiete nur in räumlichem Zusammenhang mit bestehenden Siedlungsgebieten vorsieht. Wenn die Gemeinde Penzing für Stillern einen Bebauungsplan aufstelle, werde dieser nicht rechtssicher sein – die Umweltverbände würden dagegen klagen, so Satzger. Er richtete auch einen Appell an das auf Nachhaltigkeit bedachte Unternehmen Steico. „Sie ruinieren Ihren eigenen Ruf, wenn Sie hier hinbauen.“

Warum nicht Penzing?

Mehrfach wurde auf der Demonstration Unverständnis darüber laut, warum für die Ansiedlung nicht die Konversionsfläche des Fliegerhorsts diskutiert werde, die bereits versiegelt ist und über einen Bahnanschluss verfügt. Als weiterer Alternativstandort wurde das Gelände eines aufgelassenen Sägewerks in Fuchstal genannt.

Ludwig Hartmann wetterte gegen den drohenden „staatlich organisierten Umwelt-Vandalismus“ und kritisierte, dass es Mitarbeiter der Staatsforsten gewesen seien, die den Kontakt zur Wirtschaft hergestellt hätten – wie bereits 2009, als Edeka sich auf dem Gelände in Stillern niederlassen wollte.

Gabriele Triebel sprach denn auch von einem Déjà-vu-Erlebnis. Auch damals seien die Pläne im stillen Kämmerlein geschmiedet worden und nur durch ein Leck an die Öffentlichkeit gelangt. „So geht man nicht mit den Menschen um“, kritisierte die Grünen-Abgeordnete. Sie appellierte an den Penzinger Gemeinderat, das Vorhaben im Sinne der Natur abzuwägen, da sich die Steico-Ansiedlung ansonsten als Einfallstor für weiteres Gewerbe erweisen werde.

Stillern liegt auf Penzinger Flur, doch den Lärm, die Emissionen und die Verkehrsbelastung, die das Holzwerk verursachen würde, bekämen vor allem die Schwiftinger ab. Kein Wunder also, dass die Schwiftinger Bürgermeisterin Heike Schappele ebenfalls zu den Gegnern der Pläne gehört. Sie fragt sich auch, wo die angekündigten über 200 Mitarbeiter auf dem angespannten Wohnungsmarkt in der Region unterkommen sollen.

»Seien Sie penetrant«

Gerade am Vorabend habe sie an der Aufstellungsversammlung des Landschaftspflegeverbands teilgenommen, berichtete Schappele. Dieser habe das Ziel, ökologisch wertvolle Flächen zu schützen und zu pflegen. Und hier stehe man vor zehn Hektar „schönster Fläche“, der die Versiegelung drohe. „Da beißt sich doch die Katze in den Schwanz.“

Hartmann ist nach eigener Aussage „optimistisch, dass wir das hier verhindern können“. Zum einen müsse der Haushaltsausschuss des Landtags den Verkauf der Fläche erst noch genehmigen – und die Grünen-Fraktion werde vor der Entscheidung auf einem Ortstermin bestehen. Die Bürger forderte er auf, in der Sache bei den politischen Entscheidungsträgern nicht lockerzulassen. „Schreiben Sie, rufen Sie an, seien Sie penetrant.“ Edeka habe es seinerzeit nicht geschafft, sich in Stillern niederzulassen – „und Steico wird es auch nicht schaffen“.

Kommentar

Einfache Parolen

Über die mögliche Ansiedlung des Steico-Werks zur Herstellung natürlicher Dämmstoffe ganz im Süden des Penzinger Gemeindegebiets lässt sich trefflich diskutieren; keine Frage. Die Grünen sind dazu in Form einer Demonstration in Vorlage gegangen und haben klare State­ments abgegeben: Keine Umwandlung von landwirtschaftlichen Flächen! Gewerbe nur ins Gewerbegebiet! Steico muss auf den Fliegerhorst! Zwar betonen die Grünen, dass das „Naturbausystem“ des Feldkirchener Unternehmens ganz nach ihrem Geschmack ist. Auch sind die entstehenden Arbeitsplätze in der Region willkommen. Aber die Politik soll dafür sorgen, dass das Werk an anderer Stelle entsteht.

Nun leben wir gottlob nicht in einem Staat, in dem man einem Unternehmen einfach irgendwelche Flächen zuweisen kann. Man kann sie ihm allenfalls vorschlagen. Diese Vorschläge sollten dann auch funktionieren. Steico den Standort Fliegerhorst anzutragen, ist sicher keine Option. Noch ist der Fliegerhorst überhaupt kein Gewerbegebiet. Noch gehört er vollständig dem Bund und ist weder an die Gemeinden noch Projektentwickler verkauft. Noch ist die verkehrsmäßige Erschließung in weiter Ferne. Noch sind die Altlasten nicht beseitigt. Noch ist die Konvergenzfläche unparzelliert. Noch ist die Beschlusslage des Gemeinderats und des Stadtrats eine ganz andere. „Steico muss auf den Fliegerhorst“, das ist, mit Verlaub, eine so verkürzte und verfrühte Forderung, dass es nur eine Erklärung dafür gibt: Mehr Text gab das Pappschild nicht her.

Ähnliche Platzprobleme muss es bei der zweiten Forderung gegeben haben: „Gewerbe nur ins Gewerbegebiet“. Das Areal wird ja bereits gewerblich genutzt; das Nasslager Stillern lagert und bewässert direkt nebenan seit 2017 bis zu 100.000 Festmeter Rundholz. Zur Eröffnung schrieb der KREISBOTE: „Im laufenden Betrieb werden künftig mit Bäumen beladene 40-Tonner von und nach Stillern rollen. Der Standort dafür scheint ideal: Obwohl die schweren Lkw durch Penzinger Gemeindegebiet rauschen, müssen sie nie direkt an Wohngebieten vorbei. Die Anbindung über die A96 ist gut – parallel zur Autobahn und fernab jeglicher Anwohner führt der Fahrtweg in die abgelegene Einöde.“ Dem ist auch in Sachen Steico nichts hinzuzufügen: Die Verkehrswege sind vorhanden. Platz ist genug da. Wohngebiete werden nicht tangiert. Das ist doch eigentlich der Idealfall für ein neues Werk.

Außerdem: Kann man wirklich apodiktisch fordern, dass kein Feld in dieser Republik mehr in Wohn- oder Gewerbeflächen umgewandelt wird? Klar, Erholungsgebiete müssen erhalten bleiben. Aber Stillern ist kein solches Gebiet; der Autobahnlärm ist dort fast unerträglich. Und Wald wollen wir auch nicht gerne opfern; aber das ist in Stillern auch nicht nötig. Wer nur in bestehenden Gewerbege­bieten Neu-Ansiedlungen akzeptieren möchte, der wird einen Rückgang an Arbeitsplätzen bekommen, denn bis ein stillgelegtes Werk rückgebaut ist und Platz für ein Neues machen kann, können Jahre oder Jahrzehnte vergehen.

Dies ist kein Plädoyer für die Ansiedlung von Steico in Stillern; dafür sind viel zu viele Fragen offen. Aber es ist ein Plädoyer dafür, die Diskussion im Detail zu führen und sie nicht durch Parolen einzudämmen, die arg einfach sind.
Werner Lauff

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