Ein Stück über kein Stück

„Kein Schiff wird kommen“, gespielt vom Schauspiel Stuttgart (von links nach rechts) Lisa Wildmann, Matthias Kelle, Jens Winterstein. Foto: Eckstein

Ist das nun ein künstlerischer Schelmenstreich oder einfach nur dreist? Ein Autor, der im Rahmen eines Theatertreffens einen Werkauftrag gewinnt, schreibt ein Stück, in dem er die Anforderungen des Theaterbetriebs an die Autoren anprangert. Ein Stück, das ei-gentlich kein Stück ist, sondern ein Bericht über das Scheitern eines Auftragswerks und so doch zum Theaterstück wird.

„Kein Schiff wird kommen“ des gefeierten Nachwuchsautors Nis-Momme Stockmann ist eine Abrechnung mit dem Theaterbetrieb und gleichzeitig eine Familientragödie, die Handlung fokussiert von dem „großen“ Thema des Mauerfalls auf das Schicksal einer Familie, von Gesamtdeutschland auf die kleine Nordseeinsel Föhr. Der junge, hippe, namenlos bleibende Nachwuchsautor (gespielt von Matthias Kelle) macht sich von Berlin auf den Weg zurück zu seiner Heimatinsel, die auch die Stockmanns ist. Nicht aus Familiensinn, sondern mit dem Ziel, von seinem Vater alles über die historischen Ereignisse 1989 zu erfahren, über die er ein Stück schreiben muss und die er selbst nur als kleines Kind erlebt hat. Ausführlich lamentierend (über die Fähre, die Nordsee, die ausgebaggerte Fahrrinne, die Reetdachhäuser,…) fällt er sofort nach der Ankunft in alte Rollenmuster zurück. Es zeigt sich die Sprachlosigkeit der Vater-Sohn-Beziehung. Der Vater (Jens Winterstein) will nicht reden, der Sohn nicht zuhören; zu flach die Schilderungen des Vaters („Wir haben uns halt gefreut“), nicht dramatisch genug für den schreibblockierten Dichter, der vor seinem geistigen Auge wüste Prügeleien zwischen Insulanern und Ost-Touristen sieht. Doch zwischen Pizza und Flens-Kisten schiebt sich eine verschüttete Erinnerung in das Bild, der Mauerfall wird verdrängt vom nicht geklärten Tod der geisteskranken Mutter. Dazwischen, als Alter Ego des Protagonisten, als Mutter und Kommentatorin, Lisa Wildmann. Regisseurin Annette Pullen inszeniert, bewusst schlicht, ein Kammerspiel in einer Wohnung aus Gazevorhängen und Gerüsten, untermalt, kommentiert von Musikeinspielungen, die manchmal etwas forciert wirken. Die Darsteller agieren überzeugend, besonders Jens Winterstein als Vater berührt mit seiner tiefen Traurigkeit, die er durch kumpelhaftes Verhalten zu bemänteln sucht. Doch auch sie können die Schwächen des Stücks nicht wegspielen. Die Sprache bleibt oft flach, der Wechsel zwischen erzählender Prosa (vom Autor in ein Diktiergerät gesprochen) und Dialog wirkt bemüht, die Handlung konstruiert. So blieb es bei einem teilweise interessanten Diskurs über künstlerische Integrität, über menschliche Beziehungen und ver- drängte Traumata. Doch der berühmte Funke sprang nicht über, was auch der eher höflich-verhaltene Applaus des Publikums zeigte.

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