Die Fischer schlagen Alarm

Sturmwarnleuchten über dem Ammersee

Sturm Ammersee
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Sturmwarnleuchten über dem Ammersee
  • Dieter Roettig
    VonDieter Roettig
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Dießen – Es ist wahrscheinlich die älteste „Dienstversammlung“ in der Region: Seit 1691 treffen sich die Ammersee-Fischer traditionell an Peter & Paul – bis 1970 ein Feiertag in Bayern – zu ihrem Jahrtag. Im Biergarten des Gasthofs Unterbräu zeichnete Dr. Bernhard Ernst, Vorsitzender der Fischereigenossenschaft und Gewässerökologe, den rund 30 Berufskollegen bei allem Optimismus über die Verbesserung der Corona-Lage einen nicht gerade positiven Statusbericht des Ammersees.

Ein Spiegelbild des Zustands unserer Lebensgrundlagen seien die Seen als Sammelbecken all dessen, was wir vor allem über die letzten Generationen auf den Weg gebracht hätten. „Man muss buchstäblich die Augen verschließen, dass man die roten Sturmwarnleuchten über diesem Spiegel nicht sieht“, so Dr. Ernst. Die klimatischen Veränderungen hätten auch vor dem Ammersee nicht Halt gemacht.

Im Durchschnitt hat sich die Oberflächentemperatur im Ammersee von 1980 bis heute bereits von 9,3 Grad auf 12 Grad erhöht. Fatal für das Ökosystem wirkt sich dabei aus, dass die Phasen der Durchmischung immer kürzer werden. Modellberechnungen prognostizieren das Ausbleiben der Volldurchmischung in einzelnen Wintern bereits bis 2030 und noch seltener bis 2060. Ein Problem ist laut Dr. Bernhard Ernst auch die Überfrachtung des Ammersees mit Stickstoff. Man sei lange davon ausgegangen, dass in den Seen allein der Phosphor als limitierender Nährstoff das Algenwachstum begrenzt. Inzwischen weiß man, dass die Verhältnisse der Nährstoffe eine entscheidende Rolle spielen, nämlich welche Algen in welcher Dichte im See vorkommen. Das natürliche Verhältnis im Süßwasser seien 16 Teile Stickstoff zu einem Teil Phosphor. Laut Studien der LMU München aber liegt das Verhältnis von Stickstoff zu Phosphor im Ammersee inzwischen deutlich über 200. „Das heißt, auf ein Teil Phosphor kommen nicht 16, sondern über 200 Teile Stickstoff. Damit hat sich der Anteil um mindestens das zwölffache erhöht“, so Dr. Ernst in seinen Ausführungen.

Das Bürgermeister-Treffen beim Jahrtag der Ammersee-Fischer in Dießen: (v.l.) Siegfried Luge (Eching), Florian Hoffmann (Utting), Sandra Perzul (Dießen), Fischerei-Vorsitzender Dr. Bernhard Ernst, Alexander Herrmann (Schondorf), Pfarrer Josef Kirchensteiner und Roland Kratzer (Vizebürgermeister Dießen).

Nutznießer der Temperaturveränderung und der Stickstoff­überfrachtung ist vor allem die „Burgunderblutalge“, seit nunmehr 30 Jahren fester Bestandteil des Planktons im Ammersee. Es gebe inzwischen wissenschaftliche Belege dafür, wie diese Blaualgenart das Ökosystem nachhaltig zum Schaden der Fische verändert. „Sie schafft regelmäßig ein fischfeindliches, mitunter sogar fischgiftiges Milieu“, so Dr. Ernst.

Reifenabrieb im See

Ein Thema sei auch das Mikroplastik, das man zu mehreren Tausend Partikeln pro Quadratmeter im Ufersediment des Ammersees findet. Dr. Ernst warnte eindringlich davon, im Umfeld des Sees Plastik wegzuwerfen, das letztendlich im See wieder auftaucht. Neu für die Anwesenden waren aktuelle Studien aus den USA, womit der Reifenabrieb von Autos in den Straßenabwässern einen beträchtlichen Teil des Mikroplastiks beisteuert. Die hochgradig fischtoxischen Substanzen würden in Flüsse und Seen abgeschwemmt und gefährden hochgradig den Fischbestand.

Kräftige Barsche wie dieser sind in den letzten zwei Jahren in den Netzen der Ammersee-Fischer auch immer weniger geworden. Grund ist unter anderem die starke Wassererwärmung.

Die Fischereigenossenschaft registriert seit fünfzig Jahren im Ammersee ein massives Ausbleiben des Wasserschilfs, das heute nicht einmal zehn Prozent des ursprünglichen Bestands ausmacht. Dieses gewässerreinigende Schilf fehlt laut Dr. Ernst im Ökosystem nicht nur als Lebensraum und Rückzugsgebiet für Lebewesen verschiedenster Entwicklungsstufen. Es wäre auch ein wertvoller Schattenspender und hätte das Potential, den im See übermäßig vorhandenen Stickstoff zu verwerten und zu binden.

Auch die Verbauung der Seezuläufe mit Beginn des 20. Jahrhunderts prangerte Dr. Ernst an. Alle Zuläufe des Sees seien zum Nachteil für die Fische korrigiert, verlegt und begradigt worden. Bereits 1924 hätten die Ammersee-Fischer im Protokollbuch vermerkt, dass sich die Fischbestände infolge der Ammer-Verlegung elementar verändert hätten.

Totalausfall Barsch

Ein „Fieberthermometer im roten Bereich“ sei die prekäre Entwicklung der Ammersee-Fischerei. Die bereits im letzten Jahr alles andere als zufriedenstellende Renken-Ausbeute sei auch heuer bis dato katastrophal: „Ein gutes Renken-Jahr wird es wahrscheinlich nicht mehr werden.“ Der Barsch sei seit zwei Jahren „mehr oder weniger ein Totalausfall“. Die wenigen Barsche, die im Juli am Ufer erscheinen, verlassen diese angestammten Sommerstandplätze zumeist schon im August und stehen wie die Renken in Kälte und Dunkelheit ab 15 Meter Wassertiefe.

Wie schlimm es um das Ökosystem des Ammersees steht, wurde beim Fischer-Jahrtag deutlich. Unter dem passenden Valentin-Zitat vier Doktoren, die sich für die „Gesundung“ stark machen: (v.l.) Dr. Reinhard Reiter, Dr. Bernhard Ernst, Dr. Bernhard Gum und Dr. Michael Schubert.

Die einst am Ammersee stattliche Seeforelle mit teilweisem Gewicht von über zehn Kilogramm gibt es nur noch, weil sie die Fischer Jahr für Jahr mit hohem Aufwand besetzen. Eine natürliche Reproduktion finde seit Jahrzehnten nicht mehr statt. Zander und Hechte zeigen laut Dr. Ernst mitunter markante Anzeichen von Mangelernährung, weil das Heer von Futterfischen wie Rotaugen, Lauben und kleinen Barschen binnen zwei Jahren stark zurückgegangen sei. „Wir Fischer freuen uns schon, wenn wir einstige Massenfischarten wie den Nerfling wenigstens noch vereinzelt zu Gesicht bekommen.“

In Anbetracht der erkenn- und messbaren „Unwuchten“ sei es abwegig, dem Ammersee einen ökologisch guten Zustand zu attestieren. Der Augenblick sei gekommen, wo der Patient Ammersee umfassend behandelt werden müsse. Wie mit der Eindämmung des Temperaturanstiegs, der Reduzierung der Stickstoffbelastung, einem zuverlässigen Monitoring der Burgunderblutalge oder der Revitalisierung der Seezuläufe. „Wenn wir, die wir jetzt in der Verantwortung stehen für die Zukunft unserer Kinder, Enkel und Urenkel, nicht handeln, ist das nicht mehr nur leichtfertig und achtlos, sondern in hohem Maße vorsätzlich und verantwortungslos.“ Dr. Bernhard Ernst forderte Mut, Bereitschaft und ein Umdenken in der Politik, bei Behörden und in der Gesellschaft, die die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt hätten.

Die jährliche Zusammenkunft der Ammersee-Fischer begann mit einem Festzug vom Untermüllerplatz zur Kirche St. Johann, angeführt von der Blaskapelle Entraching. Pfarrer Josef Kirchensteiner zelebrierte das Fischeramt, bevor es zurück in den Gasthof Unterbräu ging. Dr. Ernst konnte eine ganze Reihe von Ehrengästen begrüßen, darunter die Bürgermeister Sandra Perzul und Roland Kratzer (Dießen), Alexander Herrmann (Schondorf), Florian Hoffmann (Utting) und Siegfried Luge (Eching). Vom Landwirtschaftsministerium war Fischerei-Referatsleiter Dr. Reinhard Reiter gekommen, von der Fischerei-Abteilung der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft Dr. Michael Schubert sowie Dr. Bernhard Gum von der Fischereifachberatung beim Bezirk Oberbayern.

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