Gegen die Isolation

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Mut machen, gemeinsame Unternehmungen und der Abbau von Berührungsängsten in der Gesellschaft – das sind die Ziele, die sich Susanne Frick mit der Gründung ihrer Parkinson-Selbsthilfegruppe für den Landkreis gesetzt hat.

Landkreis – Susanne Frick leidet an Parkinson. Eine harte Diagnose mit weitreichenden Folgen, die sich teilweise wenig bis gar nicht beeinflussen lassen. Sehr wohl beeinflussbar ist aber, wie Betroffene, Angehörige und die ganze Gesellschaft mit der heimtückischen Krankheit umgehen, so die Überzeugung der Hausenerin. Dabei sei die Gründung einer Selbsthilfegruppe ein ganz wichtiger Schritt. Am 19. April fällt der Startschuss, danach sollen gemeinsame Gesprächsrunden, zahlreiche Ausflüge und vielfältige Aktivitäten folgen. Auch Aufklärungsarbeit sei wichtig und steht auf der Agenda.

„Ein Schlag ins Gesicht“, erzählt Susanne Frick, sei es gewesen, als sie im Jahr 2010 von der Diagnose „Parkinson“ erfuhr. Die damals erst 41-Jährige stand voll im Berufsleben, vom Alltag zu sehr gehetzt, wie sie heute feststellt, und leitete eine Intensivstation in München. Dann folgte der Cut. Ihr Arbeitspensum musste sie infolge der Krankheit fortan immer weiter drosseln, die physische und psychische Belastbarkeit schwand zusehends.

Seit 2014 kann sie ihrem Job gar nicht mehr nachgehen. Heute blickt Frick auf sechs Jahre mit der Krankheit zurück, die voller Höhen und Tiefen waren. „Zwei kleine Träume habe ich“, verrät die Hausenerin: „Die Gründung einer Selbsthilfegruppe und das Schreiben eines Buchs.“ Auch sie selbst habe zum Zeitpunkt der Diagnose erst einmal wenig über Parkinson gewusst. „Die Menschen denken erst einmal an ältere Leute, die zittern.“ Doch die Krankheit kenne unzählige Ausprägungen und auch immer mehr Jüngere seien betroffen. In der Gesellschaft stellt Frick eine große Berührungsangst und Scheu fest, die Betroffene in die Abschottung treibe. Aufklärungsarbeit zu leisten sei ihr deshalb, neben dem Austausch mit anderen Erkrankten, ein großes Anliegen.

"Nicht abdriften"

Denn viele Erkrankte flüchteten sich aus Scham und Verzweiflung in die Isolation. Das habe sie auch selbst festgestellt. „Man ist tagtäglich daheim.“ Nimmt sie ihren Mut zusammen und geht in die Öffentlichkeit, müsse sie sich oft mit unangenehmen Situationen auseinandersetzen. „Beim Essen im Restaurant falle ich auf. Ich kann das nicht steuern, bemerke aber mein Zittern und die Blicke der Anderen. Da frage ich mich dann: ‚Traue ich mich das nochmal?‘ Dasselbe gilt, wenn ich mit meinem Gehstock nach draußen muss.“ Schwierig sei für Betroffene beispielsweise auch das Gespräch mit dem Arbeitgeber: „Mit welchen Einschränkungen muss er bei mir rechnen, werde ich zur Belastung, lässt meine Verlässlichkeit nach?“ Die Folgen seien häufig Scham und die Abkapselung vor der Außenwelt. „Man muss etwas tun, um nicht abzudriften.“ Denn Depression und Alkoholismus seien verbreitete Folgen des Rückzugs aus der Gesellschaft. Auch, weil aufgrund des Mangels an Dopamin und dem Ungleichgewicht verschiedener Stoffwechselprodukte, die mit Parkinson einhergehen, die Anfälligkeit dafür sowieso schon steige.

Sich gegenseitig die Kraft und den Mut zu spenden, hinauszugehen und das soziale Umfeld weiterhin zu pflegen, seien wichtige Ziele ihrer Selbsthilfegruppe. Diese richte sich aufgrund der biografischen Besonderheiten insbesondere an jüngere Betroffene, aber natürlich seien auch Erkrankte höheren Alters und Angehörige herzlich willkommen. Frick selbst habe durch einen Stammtisch in München sehr große Unterstützung erfahren. Ein Pendant in Landsberg einzurichten, sei deshalb ein schon lange gehegtes Ziel.

Nach dem anstehenden Gründungstreffen am 19. April um 18 Uhr im Landsberger Forum Vitae Seminario, bei dem Frick gemeinsam mit Mitstreiterin Walburga Rittner in einem festlichen Rahmen über die Zielsetzungen und Projekte informieren will, seien an jedem zweiten Montag des Monats Treffen geplant. Außerdem strebt die Gruppe gemeinsame Ausflüge und Unternehmungen an. Die genauere Ausgestaltung wolle sie aber erst mit den Mitgliedern abstimmen, denn die Beteiligten sollen zusammenwachsen, jeder sei eingeladen, mitzuentscheiden. „Es wird kein Überstülpen geben, wir richten nur das offene Angebot ein.“ Unterstützung erhält Frick durch das Selbsthilfezentrum München, das beispielsweise bei der Beantragung von Fördergeldern hilft.

Die Ursachen von Parkinson sind indes bis heute nicht ganz beleuchtet. Umweltgifte könnten die Gefährdung erhöhen, so der Stand der Wissenschaft. Ob genetische Faktoren eine Rolle spielen, ist umstritten. „Früher hieß es, das sei irrelevant. Heute geht man von einem erhöhten Risiko aus, wenn die Krankheit in der Verwandtschaft auftritt“, so Frick. Auch dass der Darm ein Ausgangsherd sein könne, sei eine mögliche Theorie. Dieser stelle immerhin einen maßgebliche Faktor für das Immunsystem dar, bei Störungen der Darmflora könnten Gifte in den Organismus gelangen.

Dass auch jüngere Menschen zunehmend erkranken, schreibt die Hausenerin dem modernen Lebenswandel und dessen Begleiterscheinungen zu. „Das Nervensystem wird überstrapaziert.“ Hohe Leistungsansprüche im beruflichen und privaten Bereich sowie ausbleibende Ruhephasen führten dazu, dass der Körper irgendwann streike. Das habe sie am eigenen Leib erfahren. „Auch wenn der Krankheitsverlauf stets variiert, stelle ich bei vielen Erkrankten Parallelen in der Vorgeschichte fest.“ Es sei schade, wenn der Lebenswandel erst dann notgedrungen geändert werde, wenn es schon zu spät sei.

Rasso Schorer

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