Mit dem eigenen Atem

Doktor artium der Mundharmonika

+
väng, das sind: Jouku Kyhälä (2. v. links) mit seiner Harmonetta und, rechts neben ihm, Pasi Leino, dessen Bassharmonika an einen Toaster erinnert. Eero Grundström (links) und Eero Turkka rahmen das Ensemble mit ihren „normalen“ Mundharmonikas.

Landsberg – Vier Herren in schwarzen Anzügen betreten die Bühne. An den Fingern glitzern protzige Ringe, einer trägt spitz zulaufende Silberschuhe, ein anderer eine goldene Weste. Jeder mit einem kleinen Koffer in der Hand, den er behutsam vor sich auf den Boden legt. Darin die Instrumente: Mundharmonikas aller Arten und Stimmungen, darunter auch eine Harmonetta und eine Bassharmonika, Instrumente, die manch einer noch nie gesehen hat. Und auch die Musik des finnischen Mundharmonikaquartetts „Sväng“ dürfte bisher eher wenigen zu Ohren gekommen sein: Eingängig aber nicht trivial, nicht geradlinig, sondern eher krumm – wie der Name der Band schon sagt: Sväng, schwedisch für „Kurve“.

Die Vier setzen ihre Instrumente an und legen los: mitreißender, balkanesker Rhythmus erfüllt den Raum. Der Tonumfang entspricht dabei nahezu dem eines klassischen Salon­orchesters dank Harmonetta und Bassharmonika. Denn auf der von Hohner gebauten Harmonetta, einer Mischung aus Mundharmonika und Akkordeon, kann Jouku Kyhälä Akkorde spielen. Und Pasi Leino entlockt seiner riesigen Bassmundharmonika Töne, die an Kontrabass, Stimme oder auch einen Dampfer denken lassen. „Die Bassmundharmonika ist das schwierigste Instrument im Universum“, ist Kyhälä überzeugt, „auch wenn es wie ein Toaster aussieht“. Denn auf diesem „Toaster“ könne man nicht wie bei den anderen Harmonikas Luft einziehen uns so einen Ton erzeugen, man müsse ständig hineinblasen wie eine Dampflok.

Zusammen mit Eero Grundström und Eero Turkka, die „normale“ Mundharmonika, also chromatisch oder diatonisch gestimmt, spielen, bietet Sväng eine ganze Bandbreite an Musikstilen: Tango, finnisch-russisch-folkloristisch Ange­hauchtes, Swing und vor allem Balkaneskes. Die Mischung bezeichnet Sväng als eine Art Folkmusik des heutigen Finnlands. Vieles ist selbst komponiert, aber die Vier trauen sich auch an klassische Komponisten wie Sibelius und Chopin, samt Triller und Glissandi – nicht gerade leicht, das auf Mundharmonikas zu spielen.

„Es geht ihnen vor allem darum, gute Musik zu machen und so lange zu üben, bis die auch auf der doch manchmal „verpönten“ Mundharmonika richtig gut klingt“, erklärt die Agentin des Quartetts Anne Hofstadler. Das, was das Publikum zu hören bekommt, ist tatsächlich ungewohnt, vollkommen neu und technisch absolut perfekt – ein Hörgenuss der anderen Art.

Gegründet wird Sväng im Jahre 2003, als Eero Turkka ein Abschlussprojekt für sein Kompositionsstudium an der Sibelius-Universität in Helsinki benötigt. Eero Grundström ist ein Kommilitone, Kyhälä unterrichtet dort – er ist wahrscheinlich weltweit der erste Musiker, der den Titel „Doktor artium der Mundharmonika“ trägt. Pasi Leino, das älteste Bandmitglied, studiert zwar nicht in Helsinki, ist aber laut Sväng „der einzige in ganz Finnland, der die Bassharmonika und die drei Bandkollegen meistern kann“. Turkka komponiert eine Suite, die Vier spielen, Turkka beendet die Uni – und die Karriere von Sväng beginnt. Bisher haben die vier Herren mit Leningrad-Cowboys-Appeal 24 Länder bereist und sechs Alben aufgenommen.

„Dur macht uns in Finnland unglücklich“ begründet Eero Turkka den oft melancholischen Grundton der Eigenkompositionen. Dennoch haben alle Titel auch immer einen Funken Humor und Lebendigkeit in sich. „Finnland liegt zwischen Ost und West“, erklärt Kyhälä. „Sowohl die melancholischen Russen als auch die fröhlichen Schweden beherrschten phasenweise das Land. Also gibt es beide Seiten in der finnischen Mentalität.“ So zieht Kyhälä seine Inspiration ab und zu auch aus Comics wie zum Beispiel Lucky Luke: Die ersten Töne des daraus entstandenen Songs erinnern an „Spiel mir das Lied vom Tod“, bevor die vier Harmonikas gemächlich oder auch schneller davongaloppieren.

Vor allem beruhen die Kompositionen jedoch auf persönlichen Geschichten: vom Urgroßvater aus dem finnischen Bürgerkrieg, vom Streit mit der Freundin oder von einer Spur im Schnee, die die Jagd eines Vogels auf ein kleines Tier spiegelt – oder wie Kyhälä es nennt, das Naturschauspiel „between Life and Lunch“. Und natürlich auf der Tatsache, dass der Tango eine finnische Erfindung ist, die von den Argentiniern nur geklaut wurde.

Diese Geschichten bieten die vier Musiker mit schleifenden und ziehenden Tönen dar, mit Seufzern und Juchzern, mit tiefem Brummen und fast schon quietschenden Lauten. Im Gegensatz zum Akkordeon immer mit ihrem eigenen Atem, der durch das Instrument strömt und allem diese melancholisch-humorvolle Stimmung gibt, die Finnland offensichtlich auszeichnet.

Susanne Greiner

Auch interessant

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Polizei-Großeinsatz wegen Softairs
Polizei-Großeinsatz wegen Softairs
Taktik und Technik statt Hau-Drauf
Taktik und Technik statt Hau-Drauf
Neuer Radweg nach Ummendorf
Neuer Radweg nach Ummendorf

Kommentare