Zu was der Mensch fähig ist

"Tannöd" als packendes Live-Hörspiel 

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Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun schlüpfen beim Live-Hörspiel „Tannöd“ in die Rollen der Protagonisten – auch in die des Mörders: immer, wenn Braun den Hut aufsetzt.

Landsberg – Hinterkaifeck. Der Name erzeugt Schaudern.  Und zieht magisch an. Das Stadttheater ist ausverkauft. Der Grund: der Sechsfachmord, der dort in den Zwanzigerjahren stattfand und bis heute nicht aufgeklärt ist. Diesem Mord hat sich Andrea Maria Schenkel für ihren Roman „Tannöd“ angenommen. Ihn in die 50er verlegt, Namen geändert, Zeugenaussagen beschrieben. Das Schauspielerehepaar Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun nimmt diesen Roman als Vorlage für das gleichnamige Live-Hörspiel. Zwei Schauspieler für knapp 20 Rollen? Ja, das funktioniert. Und zwar hervorragend.

Die Schauspieler setzen sich an den Tisch, warten ruhig das Ende des ersten Lieds ab. Stille. Und blättern ihr Textbuch auf, vollkommen synchron. Bittenbinder und Braun spielen minimalistisch, ohne Mimik. Was umso eindrucksvoller wirkt. Begleitet werden sie vom „Art Ensemble of Passau“. Das zur Einleitung schräge Posaunen- und Trompetentöne – Leo Gmelch und Peter Tuscher – intoniert, begleitet von Akkordeonist Rainer Gruber und Schlagzeuger Anno Kesting. Der ist auch für Geräusche zuständig. Entleert Wasserflaschen, um Melken zu imitieren. Denn „am Abend wird er den Hund füttern und die Tiere versorgen“, sagt Braun alias der ‚Mörder‘. Und „um den Strohhaufen wird er einen großen Bogen machen“.

Der Mörder, offiziell bis heute nicht überführt, ist in Schenkels Roman der Nachbarsbauer. Auch im Hörspiel tritt er auf. Braun setzt für ihn das einzige Requisit auf: den Hut. Spricht mit sanfter Stimme, hochdeutsch. Eiskalt, das Blut gefriert ... Während er für den Postboten redselig rasselt, als Monteur brüllt, als Dannerbauer auf dem Hof der Herrgott ist. Den Kleinganoven Mich, Aushilfe, Dieb, nähert er stimmlich dem Mörder an. Und Nachbarsbauer Hauer ertönt mit derber Stimme. Wenn er nicht gerade sein mörderisches Ich auspackt.

Bittenbinder spricht die achtjährige Betty oder auch Babette Kirchmeier, 86 Jahre. Und man nimmt ihr jede Figur ab. Auch die der Barbara, missbraucht vom Vater, seit sie zwölf war. Und sich nicht gewehrt hat: „Ich wollte immer die gute Tochter sein.“ Am Ende erpresst sie den Vater, um den Hof zu bekommen. Hätte funktioniert, wäre sie nicht ermordet worden.

Die Musiker durchbrechen Bittenbinder und Brauns intensive Stimmung mit Zirkusmusik, Jazz, Volksliedern, oft angeschrägt, unstimmig im besten Sinne. Schlagzeuger Kesting sorgt mit seinen Geräuschen neben Atmosphäre auch für Verstehen: indem zeitgleiche Ereignisse aufgrund wiederholter Geräusche im Kopf der Zuhörer zurechtgerückt werden.

„Dass ein Mensch zu so etwas fähig ist“, sagt Braun als Mörder. Und beschreibt Mord für Mord. Während Bittenbinder ihn alias ‚alle anderen‘ entsetzt ansieht. Und erkennt, dass das Monster ein Mensch ist.

Susanne Greiner

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