Nährboden für Mobbing

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Anschaulich und mit vielen Tipps für die Lehrkräfte behandelte Professor Beate Schuster (links) des Thema „Mobbing“ beim Fachtag in Landsberg.

Landsberg – Mobbing ist kein Modewort, sondern Realität an Schulen – auch im Landkreis Landsberg. Zwar zeichnet sich unter den Bildungseinrichtungen „eine gewisse Entspannung“ ab, doch wird in den 3951 abgegebenen Fragebögen immer noch von 3694 Vorfällen berichtet. 

Wie Mobbing entsteht und wie Lehrer dem entgegenwirken können, vermittelten Referate und Workshops den 50 Besuchern des Fachtags, den der Arbeitskreis Kinder- und Jugendschutz in der Fritz-Beck-Mittelschule veranstaltet hatte.

Mobbing liegt dann vor, wenn es ein Kräfteungleichgewicht gibt und verbale oder körperliche Attacken über einen längeren Zeitraum systematisch betrieben werden, so Heinz Schlegel und Doris Graf, Leiter und stellvertretende Leiterin der Staatlichen Schulberatungsstelle für Oberbayern-West. Die Akteure erleben dabei ein Gefühl der Macht, sehen sich oft als Helden und werden von der „schweigenden Mehrheit“ entweder gefürchtet oder insgeheim sogar bewundert.

Teufelskreis

Bei den Betroffenen dagegen überwiegt Hilflosigkeit und Scham, oft werden sie noch selbst dafür verantwortlich gemacht, was mit ihnen passiert. Schlegel erklärte das mit dem Mobbing-Teufelskreis: Die Betroffenen wehren sich zunächst oder versuchen die Angriffe zu ignorieren, verhalten sich für Außenstehende aber zunehmend „seltsam“, weil sie, so Professor Beate Schuster von der LMU München, gewisse Verhaltensweisen durch ihren negativen Status gar nicht mehr zeigen dürfen. Dadurch ziehen sie wiederum noch mehr Attacken auf sich – und werden auch bei den Lehrern unbeliebter, wie sich in Studien zeigte.

Schuster riet den Lehrkräften deshalb eindringlich, alle Kinder anzunehmen. Denn die Klasse spüre sofort, wenn der Lehrer einen Schüler ablehnt, der damit quasi „vogelfrei“ wird. Nachdem es fast in jeder Klasse ein bis zwei „Opfer“ gebe, müsse man vor allem auch in „netten Klassen“ hellhörig werden, wenn ein Schüler sich dort unwohl fühlt. So schätzte auch Poll die fünf Prozent Schüler als gefährdet ein, die sich in der landkreisweiten Umfrage als von der Klasse abgelehnt fühlten.

Bewegte Pause

Betroffene versuchten oft, sich über „Mimikry“ zu schützen, also vorzugeben, sie hätten Freunde, Einladungen etc. Fatal sei es, sie zu „demaskieren“ und ihre Unbeliebtheit deutlich zu machen, so Schuster. Deshalb sollten Sportmannschaften oder Lerngruppen nicht von den Schülern gewählt, sondern stets von der Lehrkraft bestimmt werden. Das sei auch Sinn der Gruppenzusammenstellung bei der „bewegten Pause“, betonte die Referentin. Sie warnte zudem davor, die Betroffenen durch Rollenspiele und Gespräche mit der ganzen Klasse weiter zu beschämen. 

Für sie sind Disziplinprobleme der Nährboden, auf dem Mobbing entsteht. Lernen die Kinder, dass vorhandene Regeln eigentlich nicht gelten, setzt eine graduelle Eskalation ein. Die Professorin riet den Lehrkräften deshalb zum „Prinzip der geringsten Intervention“, bei dem schnell und mit kleinen Strafen bzw. Belohnungen, wie Lächeln oder Bedanken reagiert und unerwünschtes Verhalten quasi im Keim erstickt wird. Außerdem sollten die Pädagogen genau prüfen, ob die (positiven wie negativen) Verstärker auch wirken. Denn oft würden vermeintliche Strafen gar als Belohnung erlebt. Nachdem sie als Modell dienen, müssten Lehrkräfte auch auf ihr eigenes Verhalten und ihre Wortwahl achten, also „Mich stört, dass Du dazwischenrufst“ statt „Du nervst“ sagen und Strafen nicht zur Regulation eigener Gefühle verhängen, betonte Prof. Schuster.

Das Passende auswählen

Unter den vielen Präventions- und Interventionsprogrammen zum Thema Mobbing müsse das jeweils passende für die eigene Schule ausgewählt werden, erklärte Graf. Doch seien zeitlich befristete Aktionen nicht ausreichend, vielmehr seien auf lange Sicht Musterwechsel notwendig, betonte Schlegel – mit einer veränderten Grundhaltung aller Beteiligten, neuen Verhaltensweisen und Handlungsmustern. Dazu sei ein Konsens im Kollegium und eine kommunizierte Vision des gemeinsamen Miteinanders notwendig. Daniela Hollrotter

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