Satelliten und Planeten im Notwist-Universum

Die Weilheimer Independent-Band "The Notwist" im Fokus des Stadttheaters

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Le Millipede mit Mathias Götz startete am Mittwoch die Live-Auftritte von The Notwist, Joasihno und der Hochzteitskapelle.

Landsberg – In Notwist, um Notwist und um Notwist herum. Wer diese Woche im Stadttheater war, tauchte tief ins Universum der Weilheimer Indie-Band. Zum Glück. Denn was die ‚Urband‘ samt musikalischen Planeten und Satelliten hören ließ, war grandios. Von der Filmmusik zu „Wackersdorf“ über das Le-Millipede-Konzert, zwei Abende „The Notwist“ bis hin zum Abschlusskonzert mit der „Hochzeitskapelle“ samt Vorband Joasihno: spannende Musik, die sich weigert, in eine Schublade zu passen.

Aber erst einmal das Notwist-Universum aufdröseln: The Notwist, vor 30 Jahren in Weilheim von den Brüdern Markus und Micha Acher gegründet, ist die Sonne im System. Premiere feierte das Trio 1989 in der Post in Pürgen. Schnell eroberte Notwist Deutschland, in den 90ern die ganze Welt. Als 2002 ihr Album „Neon Golden“ herauskam – „Das Album, das in jeden Haushalt gehört“, mahnt Edmund Epple –, erhob es der Zündfunk zum „Album des Jahrzehnts“. Und letztes Jahr betitelte die Berliner Morgenpost Notwist als „die wichtigste deutsche Band der letzten 30 Jahre.“

Bei Live-Auftritten holt sich die Band Verstärkung. Zum Beispiel durch den Münchener Jazzmusiker Mathias Götz (auch bei der Unterbiberger Hofmusik), der die Posaune beisteuert. Und da die Notwister alle ziemlich rege sind, hat Götz auch seine eigene Band: Le Millipede. Bei der wiederum sitzt Markus Acher an den Drums.

Evi Kegelmaier, Michi Acher und Mathias Götz als Teil der Hochzeitskapelle.

Götz spielt auch bei einem weiteren Planeten im Notwist-Universum, der „Hochzeitskapelle“. Die wiederum tönte 2012 bei Markus Achers Hochzeit spontan ins Leben, weshalb dort beide Acher-Brüder dabei sind. Die von Hochzeitskapellen-Bratschistin und Tubistin Evi Keglmaier (die kennt man auch von Zwirbeldirn) als „folkloristisch-elegischer Rumpeljazz“ beschriebene Musik rumpelt gerne auch mal im Herzkasperlzelt auf der Oiden Wiesn.

Die Idee, im Stadttheater eine Notwist-Woche zu veranstalten, hatten Theaterleiter Florian Werner und ‚Musikredakteur‘ Epple schon länger. „Im Volkstheater gab‘s das Programm mal an einem Tag, eben in unterschiedlichen Räumen“, erzählt Werner. Im Stadttheater sind es zwei Räume und sechs Tage, zwei Filme und vier Konzerte.

Le Millipede

Nach der kinematografischen Einleitung gibt‘s am Mittwoch den ersten Live-Act: Le Millipede. Das ist englisch für Tausendfüßer. Und wenn Mathias Götz zur Melodica mit Schlauch, zur Posaune oder zu diversen Percussions an seinem Spielplatz auf dem Boden greift, wird er zu einem dieser Tierchen. Glocken, Rasseln, Reiben, Ratschen – oder eben das Minibecken aus dem Kinderspielzeugbedarf, das Götz punktiert zu Boden wirft.

Das Programm: „The Sun has no Money“. Darin nun tiefgründig den Sinn zu suchen, überlassen wir anderen. Denn bei Millipede geht es um die Musik selbst. Und die begeistert: Mal abgehoben ätherisch, mal geerdet, oft extrem tanzbar aber manchmal auch nur noch chaotisches Geräusch. Wie zum Beispiel beim Stück „Hm“ – die Tendenz zu absurden Titeln setzt sich in „Compost Ghosts“ oder auch „Daah“ fort.

Ein Mix aus allem, der zu etwas Neuem fusioniert: Notwist-Krautrock im Rhythmus, Jazz, ein bisschen Minimal. Und auch schlichte Melodielinien. Zum Beispiel beim ersten Stück, das mit der Melodica beginnt, bevor die drei Synthis einsetzen und einen Klangraum erschaffen, der an Kirchenorgel denken lässt. Bis Götz ihn mit der Posaune einfängt und in eine neue Richtung lenkt. Die ‚analogen‘ Klänge von Posaune und Drums ergänzen die elektrischen. Und brechen ihre Distanziertheit.

Seine Platten nimmt er allein auf, erzählt Götz. Weshalb die Live-Auftritte ganz anders klingen: „Auf der Platte ist das feinteiliger und filigraner.“ In den Aufnahmen habe er für eine Melodie manchmal zwölf Synthesizer-Spuren, bei einen Song sogar bis zu 115. Und es gibt auch Titel mit sieben Melodien gleichzeitig. „Die fallen live dann natürlich weg.“ Was dem Musikgenuss keinen Abbruch tut.

The Notwist

Das Werk „Messier Objects“, das Notwist in Landsberg präsentiert, Musik für Theaterstücke oder Hörspiele, war davor nur in Köln und Berlin zu hören. Vor ausverkauften Sälen. Und auch in Landsberg sind beide Konzerte proppenvoll. Kein Wunder, war die Weilheimer Band hier doch noch nie zu Gast – auch wenn Markus Acher Landsberg mal seine Heimat nannte.

„Messier Objects“, „unordentliche Dinge“, ist ein streckenweise bombastisches, oft auch zurückhaltend melodisches Opus: Anton Kauns Videokunst im Hintergrund, dazu die sphärenhaften Klänge der sechsköpfigen Band, die sich und das Publikum in Rausch spielt. Herausragend der Norweger Karl Ivar Refseth am Vibraphon. Mit den Holzenden seiner Schlägel erzeugt er rauschende Quietschtöne auf dem Metall oder präzise Staccatorhythmen. Und nicht zu vergessen Andi Haberl am Schlagzeug. Der sein Können in einem fulminanten Solo beweist.

Notwist besticht durch absolute Perfektion. Die erst im zweiten Teil des Konzerts scheinbar bricht, wenn bei den Notwist-Hits die wilderen Urkomponenten aufblitzen.

Joasihno und Hochzeitskapelle

Helikopterpercussion bei Joasihno, die auf der Leinwand zu Windmühlen mutieren.

Am Ende wird‘s noch einmal spannend: Der Satellit „Joasihno“, ein Duo aus Notwist-Mitglied Cico Beck und Nico Siering, fordert manch Zuhörer, der sich auf gemütlichen Rumpeljazz eingestellt hatte. Mitgebracht haben die beiden ihr Mobile Disko Set: Synthis, Becken und sonstiges Geraffel, aber auch Blockflöte oder Helikopterpercussion: T-Konstruktionen aus Holz, an deren Enden Schnüre mit Kugeln baumeln, die nur scheinbar willkürlich gegen Holz oder Metall schlagen. Objekte, die Windmühlenschatten auf die Leinwand werfen und ein Geräusch hervorrufen, das an aufhörenden Regen denken lässt. Die Musik experimentell, ein Spiel mit Loops in unterschiedlichsten Klängen. Ein eigenes Universum, das sich da innerhalb des Großen entwickelt.

Zum Schluss dann die sanfte Auflösung: Die Hochzeitskapelle präsentiert „Wayfaring Suite“, ein Projekt mit dem japanischen Gitarristen Kama Aina. Sein Werk ist fast klassisch: Mehrere Sätze, Variationen um eine schwebende Melodie. Fast zu ruhig im Gegensatz zum Vorherigen. Es dauert, bis man sich auf die Verschmelzung von Japan und Bayern einstellt. Bis der Klang von Kinderklavier und Tuba, von Susaphon, Banjo und singender Säge passt und die Musik ihren ruhigen Rumpel-Zauber entfaltet

Zu den sechs Notwist-Tagen kamen über 1.000 Zuschauer, jung und alt, Fans und Frischlinge. Was Epple zu Visionen über „das kreative Zentrum Deutschlands“ Weilheim anregt: Gedenktafeln, Hinweisschilder, thematische Stadtrundgänge rund um The Notwist. Denn „das 20. Jahrhundert ging zwar an Lennon/McCartney. Aber das 21. geht an Acher und Acher".

Susanne Greiner

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