"Theater ist Magie" – Schauspieler Ralf Weikinger über Menschen, Phantasie und Psychologie

Seit etwa drei Jahren lebt der österreichische Schauspieler Ralf Weikinger in Landsberg, doch spätestens seit dem 7. November ist er nahezu jedem Kulturinteressierten zwischen Lech und Ammersee ein Begriff: als Karl Anton Winter brillierte er in der Aufsehen erregenden Inszenierung von Alexander Netschajew „Die Flucht“. Dem KREISBOTEN erzählte Weikinger von seiner Liebe zum Theater und warum Winter ihn nicht loslässt.

„Was heißt es, ein Mensch zu sein, wie ticken die Menschen?“ Diese Frage ist es, die Ralf Weikinger umtreibt, die ihn dazu veranlasste, sich nicht nur der Schauspielerei, sondern auch der Psychologie zuzuwenden. Nach dem Abitur in Linz studierte Weikinger zunächst am dortigen Bruckner-Konservatorium Schauspiel, doch nach ersten Erfahrungen mit Stadttheater-Strukturen entschied er sich, Psychologie zu studieren. „Die Schauspie- lerei am Stadttheater war mir damals zu beamtenhaft. An der Psychologie reizte mich die Möglichkeit, sich mit einigen Menschen intensiv zu beschäftigen“, erklärt Weikinger. Doch eine Begegnung mit einer Dozentin des „Actors Studio New York“ weckte in ihm wieder die Begeisterung für die darstellende Kunst. Es folgten verschiedene Engagements in Österreich, der Schweiz und Deutschland, er stand unter anderem als Kreon auf der Bühne des Staatstheaters Weimar und überzeugte als Woyzeck und Ödipus in Memmingen. Daneben wirkte er in mehr als 30 Film- und Fernsehproduktionen mit, darunter „Tatort“, „Unter Verdacht“, „Soko 5113“ und „Kommissar Rex“. Energien im Raum spüren Doch so gerne er auch vor der Kamera steht, gilt Weikingers große Liebe dem Theater: „Denn nur dort kann man die Energien im Raum spüren“, betont Ralf Weikinger, „Im Rahmen einer intensiven Probenarbeit kann man sich dort mit einer ganz eigenen Welt beschäftigen und verschiedene Aspekte des Menschseins ausloten.“ Da wundert es nicht, dass einer seiner Lieblingsautoren William Shakespeare heißt: „Shakespeare ist eine Welt für sich!“– wobei der Schauspieler hinzufügt, dass ihn auch Brecht wegen seiner Aktualität fasziniere, und Schiller… Gibt es eine Rolle, die er gerne spielen würde? „Ich habe keine Traumrolle, es gibt einfach Rollen, die genau zur richtigen Zeit kommen“. Eine solche Rolle sei für den 53-jährigen der „Karl Anton Winter“ in der „Flucht“ gewesen. „Diese Rolle war ein Geschenk, darin war alles abgedeckt, von Tragik bis Komik“, schwärmt Weikinger. Zudem sei die Probenarbeit sehr intensiv gewesen: „ein tolles Ensemble und eine tolle Probenqualität“. Doch die Rolle hat auch Aspekte, die über die Bühne hinaus gehen: „Es war meine erste Rolle mit einer nationalsozialistischen Thematik,“ erzählt Weikinger, „ich habe mich sehr mit dem Thema auseinandergesetzt, habe Zeitzeugenberichte gelesen, die mich sehr beschäftigt haben. So etwas bleibt und es hat mich sehr bewegt, wenn nach der Vorstellung Leute zu mir gekommen sind, die gesagt haben, dass sie das Lebensgefühl von damals wiedererkannt haben.“ Eine schöne Sache Die „Flucht“ sei unbestritten etwas Besonderes gewesen. „Es ist mir wichtig, dass das angesichts der aktuellen Situation um das Stadttheater nicht vergessen wird. Und in diesem Punkt hat ja auch Einigkeit geherrscht trotz aller Missverständnisse, die meiner Meinung nach daraus entstanden sind, dass hier Politiker und Künstler mit unterschiedlichen Vorstellungen aufeinandergetroffen sind“, meint Weikinger, „Doch sollte man bei aller Diskussion nicht vergessen, Theater ist eine schöne Sache. Theater kann ein Beitrag sein zur politischen Meinungsbildung, kann ein Lebensgefühl wieder herstellen und es kann unterhalten.“ Er lächelt: „Nur im Theater kann man aus dem leeren Raum Phantasieräume erschaffen – das ist Magie.“

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