Im Stadttheater Landsberg:

Puppen mit Charakter

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Der kleine Kringelein, der dem feisten Direktor Preysing im Schlafgewand die Meinung sagt: Große und kleine Puppen haben beim Theater Waidspeicher ihren Auftritt. Und wirken dabei ebenso lebendig wie echte Menschen.

Landsberg – Große Puppen, kleine Puppen, kokette Puppen, kranke Puppen, Puppen als Vertreter ihrer Zeit und dennoch zeitlos: Das Theater Waidspeicher aus Erfurt zeigte im Stadttheater das Stück „Menschen im Hotel“ als Puppenspiel. Teilweise benötigt eine der lebensgroßen Figuren vier Puppenspieler, um Arme, Beine und Kopf zu bewegen. Oder aber sie kommt mit einem Spieler aus, dessen Beine als die der Puppe sich übereinanderschlagen, aufstehen und wieder setzen. Auch kleine Handpuppen kommen zum Einsatz. An Kasperltheater denkt dabei trotzdem niemand: Das Theater Waidspeicher schenkt ihnen so viel Charakter, dass sie auf der Bühne lebendig werden.

„Langweilig. Grauenvoll. Immer das Gleiche: rein und raus, rein und raus.“ Dr. Otternschlag ist Dauergast im Berliner Grand Hotel. Im Krieg entstellt, fristet er sein trostloses Dasein im Hotelfoyer, wo er Kommen und Gehen beobachtet. Morphium hilft: „Das Leben ist nur zu ertragen, wenn man es jederzeit beenden kann.“ Er ist Sinnbild des von der Zeit zerstörten Menschen. Wer könnte das besser zeigen als eine Puppe mit kränklich weißem Gesicht, apathisch im Sessel. Die Zeit, in der das Stück spielt, sind die goldenen Zwanziger, die nicht gar so golden waren: Einsame, seelisch und physisch deformierte Menschen bevölkern Vicki Baums Romanvorlage „Menschen im Hotel“. Die Beziehungen oder besser Nicht-Beziehungen der Gäste untereinander machen den Inhalt aus.

Eine zweite Figur dient Baum als Zeitbildnis: der Angestellte Kringelein. Totkrank hat er all sein Erspartes zusammengekratzt, um jetzt fern aller sozialen Kontakte im Luxus zu schwelgen. Der „Kleine Mann“ ist auch beim Theater Waidspeicher klein: Eine Handpuppe, fatal an den irren Kinski erinnernd, zeigt den ärmlich gekleideten Arbeiter. Doch Kringelein wird der sein, der am Ende so etwas wie Glück erfährt.

Nicht nur Doktor und Kringelein, nahezu alle Rollen werden durch Puppen dargestellt. In der Puppenliga lebt auch „die Grusinskaya“, gealterte Balletttänzerin, deren Auftritte im „Theater des Westens“ kaum noch jemand sehen möchte. Dennoch dreht sich das ganze Hotel fast nur um sie. Und um ihre Perlen. Die möchte der verarmte Baron Gaigern stehlen. Doch wie es das Schicksal so will, er verliebt sich in die Grusinskaya. Diese Liebelei ist es, die im oskargekrönten Hollywoodfilm das Zentrum der Geschichte bildet. Nicht umsonst mit Greta Garbo. Beim Theater Waidspeicher ist sie jedoch nebensächlich, fast lapidar. Und der Baron lange nicht so edel und gut wie im Film. Nur eine kleine Anlehnung macht das Stück: Gaigerns Einbruch zwecks Perlenstehlen mimt im Stück einer der Puppenspieler, der waghalsig am Bühnenrand entlang ins Zimmer der Diva klettert.

Mehr Gewicht legt die Bühne auf Direktor Preysings Machenschaften: Der Geschäftsmann, der eine nötige Fusion durch Lügen absegnen will, sich nimmt, was er will und dabei keine Rücksicht walten lässt. Die Puppe: ein feistes Gesicht, mit schiefer, biederer Krawatte, der Anzug kleinkariert. Nachdem er Fräulein Flams Aktbild in einer Zeitschrift sieht, will er sie – und kriegt sie auch. Denn „Flämmchen“ ist zwar keck und modern, letztendlich aber auch jung und braucht das Geld. Ihre Puppenversion trägt glitzerrot und Seidenstrumpf, dem sie durch galantes Drehen der Beine Beachtung zukommen lässt. Der gemeinsamen Nacht entkommt sie: Preysing entdeckt den Baron, der ihn bestehlen will. Denn irgendwoher muss der das Geld zum gemeinsamen Urlaub mit der Tänzerin ja nehmen. Die Gier des Firmenbesitzers siegt: Preysing tötet den Baron. Was Flämmchen sogleich Kringelein erzählt. Denn dieser entzieht sich Preysings Bestechungen: Er sagt ihm seine Meinung mitten ins Gesicht – und verdient sich Flämmchens Anerkennung. Auch dazu weiß Otternschlag etwas: „Sonderbar ist es in so einem Hotel. Keiner verlässt die Drehtür so, wie er hereingekommen ist.“ Kringelein verlässt das Hotel als „König des Lebens“.

Was das Theater Waidspeicher mit den Puppen macht, ist großartig. Da darf Kringelein sich samt Puppenspieler und neuem Anzug verdoppeln, um eine Spiegelszene darzustellen. Der Doktor scheint wirklich selbst seine Dauerfragen zu stellen: „Ist Post für mich gekommen? Hat jemand nach mir gefragt?“ Auch wenn die Worte deutlich aus dem Mund des Puppenspielers kommen. Da steht die Grusinskaya im Seidenmantel mit Turban als Diva auf der Bühne – und ihre Spieler beachtet man gar nicht mehr. Die treten als Erzähler auf, als Figuren aber nur selten. Und wenn, dann ohne großes Kostüm. Einzig der markante Bowlerhut, der alle Puppenspieler nebst aufgemalter schwarzer Augenmaske auszeichnet, wechselt von schwarz zu rot.

In diesem Stück werden die Puppen lebendig, alles andere scheint Staffage. So leider auch das Stück selbst: Allzu nebensächlich und zerrissen wird erzählt. Fast so, als ob alles neben Puppe und Mensch unwichtig ist. Das mag am Stück liegen, dessen Vorlage diese Zerrissenheit als Programm hat. Doch das ist ein Roman. Und nicht jeder Roman wird zum guten Theaterstück.

Susanne Greiner

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