Brot und Spiele in der Manege

Stelzer, Theater und Zircus: das Theaterspektakel „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturi Ui“

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Zirkusschauspiel auf Stelzen mit Musik: Das Theaterereignis „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ bietet Sinneseindrücke auf vielen Ebenen. Mehr unter www. diestelzer.de.

Landsberg – „Hitlers geistiger Urvater mag, weiß Gott, wer sein“, schreibt Journalist Carl von Ossietzky. Aber sein Propagandalehrmeister sei wohl „Barnum, der amerikanische Rummelplatzkönig“ gewesen. Der Mann, der alle in der Manege tanzen lässt. Diese Idee greift der Intendant des Theaters Wasserburg Uwe Bertram in seiner Inszenierung von Brechts Hitler-Persiflage „Der aufhaltsame Aufsteig des Arturo Ui“ auf – und holt einen Zirkus an Bord. Aber nicht nur das fahrende Volk ist dabei: Auch die Stelzer sorgen für die ganz besondere Stimmung des Theaterevents. In Landsberg ist das Stück ab dem 3. August fünfmal auf der Waitzinger Wiese zu sehen. Natürlich im Zirkuszelt.

Arturo Ui will nach oben, komme was wolle. Er besticht, er korrumpiert, er geht über Leichen. Als Bertolt Brecht das Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ 1941 schrieb, hatte er zwei Protagonisten im Kopf. Hitler, aber auch Al Capone. Weshalb Arturo Ui auch ein Gangsterstück ist. Oder wie Produzent Wolfgang Hauck von den Landsberger Stelzern sagt: „Es knallt, es scheppert und schon wieder ist einer tot.“

Bertram und Hauck kennen sich schon lange. Einmal vom ‚Verband Freie Darstellende Künste Bayern‘, da ist Hauck erster Vorsitzender, Bertram dritter. Beim Festival der freien Theater in Wasserburg wird die Zusammenarbeit enger: „Wir waren beide von der konzeptionellen Arbeit des anderen angetan“, sagt Hauck. „Wir mögen beide das Cross-Over-Arbeiten“, sagt Bertram. Weshalb er auch gleich die Stelzer zum Auftakt der Theatertage dabeihaben will. Die Verbindung resultiert darin, dass Hauck nun als Produzent des „Arturo Ui“ fungiert. Und dass die Schauspieler des Theaters Wasserburg auf Stelzen unterwegs sind, dank Peter Pruchniewitz‘ Trainings.

Neben den Stelzern ist auch das ‚fahrende Volk‘ dabei: Bertram hat die Zirkusfamilie Frank mit ihrem Circus Boldini mit auf die Bühne geholt – besser gesagt in die Manege, denn aufgeführt wird „Arturo Ui“ im Zirkuszelt mit 250 Plätzen – heimelig, samt klassischer Holzbänke. Wer weich sitzen will, sollte sich ein Kissen mitnehmen.

„Wir wollten kein Theater im Guckkasten, sondern eines, das zu den Leuten kommt“, erklärt Hauck. Ein Prinzip, das gut zu Brecht passe. „Und trotz des ernsten Inhalts ist der Arturo Ui für Jung und Alt unterhaltsam, spannend, ein wirkliches Theaterspektakel.“

Für Regisseur Bertram ist der Zirkusaspekt eine logische Konsequenz: Brecht habe bewusst vorführen wollen. Etwas, das in der Manege besonders hervortritt. Und: „Hitlers erste Veranstaltungen in München fanden auch im Cirkus Krone statt.“ Zudem brauche Arturo Ui neben Fürsprechern und äußerem Feind, gegen den man hetzen kann, auch noch die zu begeisternde Menge. „Und wo bekommt man die leichter zusammen als in der Manege.“

Neben Artisten, Stelzern und dem Schauspiel an sich spielt auch die Musik eine Rolle: Unter Georg Kargers ‚Dirigat‘ entstehe „Musik à la Tom Waits in Bestform“ mit einem gehörigen Schuss Zirkus, beschreibt Hauck. Alle vier Gewerke, die Schausspielerei, der Zirkus, die Stelzer und die Musik, seien „kein Nebeneinander.“ Sondern ein Ganzes, das mehr als die Summe seiner Teile ist. Dazu kommen natürlich noch Barbara und Natascha. Zwei Damen mit besonders langen Wimpern – zwei Dromedare.

Für Bertram ist die Verbindung dieser Komponenten ideal: „Vier eigenständige Gewerke treffen sich und machen Zirkus. Ein Kindheitstraum.“ Die Proben dauerten acht Wochen, alles habe perfekt harmonisiert. Denn trotz Eigenständigkeit seien alle doch „artverwandt“ im Stil ihrer Arbeit. „Wir sprechen alle die gleiche Sprache.“

Das Kooperationsprojekt von Theater, Stelzer und Zirkus ist etwas Einmaliges. Und deshalb wird es auch auf Zelluloid festgehalten: Robert Fischer, bekannt als Regisseur des Hubert-von-Herkomer-Films „Auf eigenen Schwingen“, wird eine Dokumentation über das Projekt erstellen.

„Es erschreckt mich, dass das Stück so aktuell ist“, urteilt Bertram über seine Entscheidung, Brechts Hitlerpersiflage aufzuführen. „Eigentlich wünsche ich mir, dass man es nicht mehr aufführen muss.“ Aber es sei richtig und notwendig, den Arturo Ui gerade jetzt zu spielen – „leider“. Nicht umsonst mahnt auch Brecht in seinem Epilog: „So was hätt‘ einmal fast die Welt regiert! Die Völker wurden seiner Herr, jedoch, dass keiner uns zu früh da triumphiert – Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Susanne Greiner

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