Der Vater des Euro

Ex-Finanzminister Theo Waigel liest im Landsberger Rathaus

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Der 80-jährige Theo Waigel las aus seinen "Erinnerungen" im Landsberger Rathaus.

Landsberg – Theo Waigel steht gern im Garten seines Elternhauses in Oberrohr und schaut den über 100 Jahre alten Pflaumenbaum an. Und ein wenig mag er sich darin wiedererkennen: alt, knorrig, teilweise morsch. „Aber auch dieses Jahr hat er geblüht und auch dieses Jahr wird er Früchte tragen.“ Nicht nur Privates, auch politische Erinnerungen gab der Ex-Finanzminister am Montagabend im Rathaus zum Besten: bei einer Lesung aus seinem Buch „Ehrlichkeit ist eine Währung“ auf Einladung des Osiander Landsberg.

Neben seinen zwei Heimatorten, Oberrohr und Seeg, wo er mit seiner zweiten Frau, der ehemaligen Skirennfahrerin Irene Epple lebt, ist Waigel auch die Religion wichtig. Und gelogen habe er nie – fast nie. „Aber alle Sünden habe ich zwischen Kohl und Strauß abgebüßt“, liest er schmunzelnd: Vor seiner Zeit als Finanzminister, als er von 1982 bis 1989 Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag war, fungierte er als Puffer zwischen den beiden ‚massiven‘ Frontmännern: „Die Gegensätze zwischen CSU und CDU waren in den 80ern so groß wie heute“.

Waigel verarbeitet in seinen „Erinnerungen“ auch die Feldpostbriefe seines Bruders August Waigel, der mit 18 Jahren 1944 im Zweiten Weltkrieg fiel. „Das Leben und Sterben meines Bruders haben mich geprägt.“ Aber natürlich geben vor allem die politischen Erinnerungen im Buch den Ton an. Der Weg Deutschlands zu Einheit und Euro. Ein Plakat ist ihm noch in Erinnerung: „Tausche Ostmark und Luft gegen D-Mark und Waigel.“ Mit Gorbatschow in Moskau, der Flug mit Strauß und die halsbrecherische Landung im Schneesturm auf dem vereisten Flughafen in Warschau, ein Flug, bei dem fast der Sprit ausgegangen wäre: Waigel war dabei, „als Geschichte geschrieben wurde“. Und der Euro sei niemals der Preis gewesen, den Deutschland für die Wiedervereinigung habe zahlen müssen: „Das ist eine haltlose Theorie. Ich weiß es, denn ich war dabei.“

Zu Helmut Schmidt habe er immer ein gutes Verhältnis gehabt. Davon zeugt ein Brief des ehemaligen Kanzlers an Waigel: „Schreibe ohne Anlass, nur aus Anhänglichkeit. Freue mich, in Ihnen einen Freund in Bayern zu haben.“ Waigel erzählt Ernstes : über die RAF, über sein Sich-schuldig-Fühlen am Tod Detlev Rohwedders. Aber auch Heiteres: Anekdoten über nichtbayerische Bodyguards, die bei den traditionellen Böllerschüssen an Fronleichnam einen Angriff vermuten.

Es sind vor allem die Anekdoten über Prominenz und Privates, die Hintergründe, die Waigels Lesung, die seine Erinnerungen so spannend machen. Über die Namensgebung des Euro – der Dank Waigel nicht ECU heißt. „Aber Franken ging nicht, das wäre in Spanien zu ‚Franco‘ geworden.“ Oder auch die Anekdote über die ersten Worte, die er beim Aufwachen nach seine Meniskus-OP gesagt habe: „D-Mark und Maastricht.“ Er gibt Geschichten über Kohls Essgewohnheiten zum Besten – Anekdoten über den Menschen, der „einer der wichtigsten in meinem Leben war“.

Im Anschluss an die Lesung, stand Waigel für Fragen zur Verfügung. Über seine Funktion als „Vater des Soli“ sei er weniger stolz. Der Soli sei eine Ergänzungsabgabe, „die nicht unbegrenzt erhoben werden kann“. Die Niedrigzins-Politik der EZB nutze nur dem Finanzminister. Die EZB solle Ankäufe zurückfahren und „kleine Zinserhöhungen andenken“. Die Entwicklung der SPD bedauere er: „Wir brauchen die SPD als sozialdemokratischen Partner.“ Und komme ihm niemand mit der ‚guten alten Zeit‘: „Die Politik war damals nicht leichter.“

Susanne Greiner

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