Lieber regional als exotisch

Bewusster Konsum und gesunder Verzicht lindern Fluchtursachen

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Für fast alle Produkte gibt es Fair-Trade-Alternativen, erklärt der Theologe Alexander Lohner Bekanntestes Beispiel: Bananen.

Landsberg – Von der Politik wird gerne gefordert, sie möge etwas gegen Fluchtursachen unternehmen, um Migrationsbewegungen einzudämmen. Doch das Thema geht nicht nur Diplomaten und Regierungen etwas an – auch der Einzelne kann seinen Beitrag leisten. Wie, das wurde jüngst im Rahmen eines gut besuchten Vortrags im Gemeindesaal der Landsberger Christuskirche deutlich.

Am kommenden Donnerstag, 20. Juni, ist Weltflüchtlingstag – und damit Gelegenheit, Zahlen in den Fokus zu rücken, die aufrütteln. Aktuell sind rund 71 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Vertreibung, vor Armut, Hunger und Verletzung der Menschenrechte. Experten rechnen damit, dass Umweltprobleme weitere massive Migrationsbewegungen auslösen werden.

„Klimaflüchtlinge werden das ganz große Thema der Zukunft sein“, so der Theologe Alexander Lohner (57). Als Gastreferent sprach der in Köln lebende Philosoph und Ethik-Professor auf einer Veranstaltung des Lenkungskreises Fair-Trade-Town Landsberg zum Thema Fluchtursachen und fairer Handel.

Produkte wie Kaffee, Bananen, Baumwolle und Raps für Biosprit werden in afrikanischen Ländern in riesigen Monokulturen angebaut. In Uganda hat sich am Victoriasee die Blumenindustrie breitgemacht, die dort unter Einsatz von Chemikalien und Pestiziden Schnittblumen für den europäischen Markt produziert. „Eine ökologische Katastrophe“, so Lohner.

Die betroffenen Länder haben oft keine Wahl. Sie sind verschuldet und müssen, um an harte Währungen für den Schuldendienst zu kommen, einerseits Ware für den Export produzieren und andererseits sparen. Das trifft die eigenen Gesundheits- und Bildungssysteme, was wiederum den „brain drain“, also das Abwandern von qualifizierten Arbeitskräften zur Folge hat, die anderswo auf eine bessere Zukunft hoffen.

Ein weiterer Aspekt ist der überproportionale Einsatz von Ressourcen bei der Produktion bestimmter Nahrungsmittel. Etwa bei der Rinderzucht ist der Wasserverbrauch gigantisch. „Um ein Kilo Rindfleisch herzustellen, werden 15.455 Liter Wasser verbraucht“, erklärte Lohner. „Wenn Sie Rindfleisch aus Argentinien essen, nehmen Sie den Argentiniern das Wasser.“

Dass trotz immer noch Millionen Hungertoter auf der Welt weniger als die Hälfte (47 Prozent) der globalen Getreideernte der menschlichen Ernährung dient und der Rest zu Tierfutter und Biosprit verarbeitet wird, ist eine weitere Facette des internationalen Irrsinns.

Doch Lohner, der auch theologischer Grundsatzreferent des Bischöflichen Hilfswerks Misereor ist, beließ es nicht bei Schreckensszenarien. Seine Botschaft: Durch bewusstes Einkaufen und gesunden Verzicht kann jeder Verbraucher den Fluchtursachen in anderen Teilen der Welt entgegenwirken. „Kaufen Sie regionale Produkte“, so Lohners Appell. „Kaufen Sie nichts aus dem Süden, es sei denn, es ist fair gehandelt.“

Ganz oben auf der Liste der Fair-Trade-Produkte stehen Kaffee, Bananen und Schokolade. Doch das Thema betrifft auch Kleidung und Spielzeug, Handys und andere technologische Geräte, für die kostbare Rohstoffe benötigt werden. Lohner: „Es gibt Fair-Trade-Alternativen für praktisch alles, bis hin zum Grabstein.“ Ja, auch der gehört zum Thema – in fair gehandeltem Gestein steckt keine Kinderarbeit.

Dass Fair-Trade-Produkte nicht mehr nur in Eine-Welt-Läden zu haben sind, sondern inzwischen auch in Supermärkten auftauchen, ist ein gutes Zeichen – und lässt hoffen. Lohner: „Je mehr man Fair-Trade-Produkte kauft, desto mehr Druck entsteht.“ Und desto größer ist die Chance auf Veränderung.

Ulrike Osman

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