Ein Leben voller Lügen

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Brillante Darsteller im Stadttheater: Willy Loman (Burghart Klaußner) und seine Söhne Happy (Florian Hacke, links) und Biff (Christian Sengewald).

Landsberg – George Washington schlägt die Hände über dem Kopf zusammen – auf der überdimensionalen Dollarnote, die auf dem Vorhang prangt. Denn was auf der Bühne des lieben Geldes wegen passiert, ist nur noch ein Zerrbild menschlichen Zusammenlebens, eine Pervertierung des sogenannten amerikanischen Traums. Von Freiheit keine Spur.

Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“: oft gesehen, unsterblich gemacht durch Volker Schlöndorffs Verfilmung mit Dustin Hoffman in der Titelrolle. Doch stand am Freitag Abend ein Ensemble auf der Bühne des Stadttheaters, das seinesgleichen sucht. Überragende Hauptdarsteller, allen voran Burghart Klaußner und Margarita Broich als Willy und Linda Loman, Christian Sengewald und Florian Hacke als die Brüder Biff und Happy.

„In diesem Haus haben wir nicht einmal zehn Minuten lang die Wahrheit gesagt“ schreit Biff seiner Familie entgegen. Die Wahrheit wäre auch schwer zu ertragen: der Vater, der ein Leben lang vergeblich Geld, Ansehen und Karriere hinterherjagt, zwei Brüder, vom Ehrgeiz und Größenwahn des Vaters getrieben und gerade deshalb Versager, die Mutter, die sich in diese Traumwelt fügt, und verzweifelt versucht, ihren Mann zu schützen. Lieber schafft man sich die eigene Realität: das Märchen vom erfolgreichen Handlungsreisenden, überall beliebt. Von den Söhnen, der eine ein Footballstar, der andere ein Frauenheld.

Doch was bleibt, wenn die Träume platzen? Die Anstrengung, den schönen Schein aufrechtzuerhalten, zermürbt. Klaußner spielt den Loman als pathologischen Fall: immer zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, verwickelt er sich ständig in Widersprüche und findet das ganz normal. Willy Loman beginnt zu halluzinieren, immer wieder erscheint ihm der erfolgreiche, tote Bruder (Niels Hansen), es beginnt der gesundheitliche und berufliche Abstieg. Als letzter Ausweg erscheint ihm der Selbstmord, um seiner Familie die Versicherungsprämie zu verschaffen, ein pompöses Begräbnis mit unzähligen Gästen soll seinen Söhnen endlich zeigen, dass er, der Vater, ein beliebter Mensch gewesen ist. Doch niemand erscheint auf dem Friedhof, Willy Loman ist vergessen, vom großen Traum bleibt nur das Geld.

„Jetzt ist das Haus bezahlt, und keiner ist mehr da“ – in dieser erschütternden Zusammenfassung Lindas liegt die ganze Tragik des „Hamsterrads“, in dem sich Loman und mit ihm eine ganze Generation befindet. Arbeit ein Leben lang, keine Zeit zum leben. Und genau hier sitzt die Schnittstelle der werk- und zeitgetreuen Inszenierung. Die Thematik ist eben nicht nur auf die 40er Jahre, nicht nur auf Amerika beschränkt: „Mein Haus, mein Auto, meine Yacht?“

Gut, manche Regieeinfälle wirkten etwas flach, wie etwa die Anspielung auf Marilyn Monroe (inklusive Luftschacht), mit der Miller verheiratet war, oder die Interpretation von Lomans Geliebter als billige Provinzhure, doch insgesamt überzeugt Wilfried Minks Inszenierung: atmosphärisch dicht, mit raschem Wechsel aus Realität und Phantasie, einem Spiel der Zeitebenen zeigt sie, dass werktreues Theater immer noch spannender sein kann als zu freie Interpretation. Allein dafür gebührt Minks Hochachtung und Dank. Eine solche Inszenierung, getragen von brillanten Darstellern, was will man mehr?

Patricia Eckstein

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