„Durch Europa mit der Postkutsche“

Mit der Schneckenpost

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Aus dem Frankfurter Raum stammen die drei Musikerinnen des Trios Fortepiano: Julia Huber an der Geige, Miriam Altmann am Hammerklavier und Anja Enderle am Cello.

St. Ottilien – Ende des 18. Jahrhunderts. Reisen sind beschwerlich. Und sie dauern. Die Postkutsche schafft gerade mal acht bis neun Kilometer pro Stunde. Wie mag es wohl sein, unter diesen Umständen unterwegs zu sein? Diese Frage stellt sich auch das Trio Fortepiano in ihrem Programm „Durch Europa mit der Postkutsche“ beim Konzert in St. Ottilien. Und beantwortet sie sowohl musikalisch als auch literarisch. Mit Mozart geht es auf Wunderkind-Reise, mit Gyrowetz von Genua nach Marseille und mit Haydn zum Triumph ins ferne England.

Postkutsche, „das heißt auf der Schneckenpost gereist“, schreibt Mozart an seinen Finanzier Hagenauer. Das Wunderkind wird quer durch Europa gekarrt. Das dauert, ganz abgesehen von all den Räubern, gebrochenen Speichen und Unwettern. Wenn ein Rad bricht, geht es eben „per pedes mit unseren schweren Körpern“ weiter. Und auch Werkstätten brauchen damals schon länger als geplant: „Zwar wurde die Restauration des Wagens angekündigt, aber blauer Teufel, nein!“

Das Trio in G-Dur, KV 564, das Fortepiano in spielerisch leichter Art darbietet, schreibt der 32-jährige Mozart unter ganz anderen Bedingungen. Er kehrt von einer Pragreise zurück, hinter ihm liegt ein erfolgreiches Jahr. Und so hört sich das Werk auch an: ausgeglichen, leicht und fröhlich. Julia Huber an der Violine und Miriam Altmann am Hammerklavier spielen im Duett, Anja Enderle übernimmt mit dem Cello und dessen satter Tiefe. Das Piano setzt präzise rasende Triolen, bevor Mozart im tänzerischen Rondo endet.

Seit gut 20 Jahren spielen die Musikerinnen von Fortepiano aus dem Frankfurter Raum zusammen. Ihr Schwerpunkt: Klaviertrios. Mitte des 18. Jahrhunderts setzt diese Tradition ein. Begleiten am Anfang noch Cello und Geige das solistische Klavier, werden bald alle Stimmen eigenständig. Grund für diese Kompositionsform ist ein Wandel: Die Aufklärung mahnt zum „sapere aude“ und so lechzt auch das erstarkende Bürgertum nach musikalischer Bildung: Klaviertrios zur „Erbauung“.

Als „großen Reisenden“ bezeichnet Huber Adalbert Gyrowetz: von Wien nach Italien, Frankreich, in die Niederlande und wieder zurück in die damalige „Hauptstadt der Musik“. Ein unruhiges Leben, was auch seine Autobiografie beweist. So eine Schiffsreise von Genua nach Marseille. Nach ruhigen Tagen der Sturm: Gyrowetz wird in der Kajüte von Wand zu Wand geschleudert. Wasser dringt ins Schiff. Matrosen schreien, die Reisenden beten. Endlich kommt Land in Sicht. Dort eine Eselspost. Und weiter geht es auf den Rücken der Grautiere. Gefahren, heutzutage von Abenteuerromantik weichgezeichnet. Doch tatsächlich ist Gyrowetz Musik vom Romantizismus geprägt: nahezu bombastische Unisono-Passagen in der Sonate Es-Dur op. 32,2 wechseln mit melancholischen Melodien. Musik, die Fortepiano schwelgerisch spielt. Die Schönheit beschreibt und auch deren Vergänglichkeit.

Joseph Haydn erobert England im Sturm. Ganz anders die Überfahrt über den Ärmelkanal: Dort herrscht Flaute. Doch irgendwann kommt Wind auf, so dass 22 der 24 Seemeilen nach Dover geschafft werden – bis das Schiff von der Ebbe gestoppt wird. Auf kleinen Booten geht es über „das ungeheure Tier, das Meer“, wie Haydn berichtet, „mit „einer kleinen Angst und Üblichkeit.“ Doch das große Interesse und die Ehrerbietung der Londoner machen alles Übel der Reise vergessen.

Haydns Trio in G-Dur hört sich im Vergleich zu Mozart und Gyrowetz „behäbig“ an. Sicher majestätisch, aber im Vergleich eher schwer. Fast will man sagen: langatmig. Bis auf das Finale: Das Rondo „in the Gipsies‘ style“ bricht mit ungarisch angehauchten Melodien die bisherige Contenance. Leidenschaft, die vor allem Huber mit ihrer Geige transportiert. Ein kleines, aber feines Konzert, das Bruder Odilo in den Rittersaal geholt hat. Zurecht erklingt nach dem letzten Ton seitens der Gäste ein „Bravissimo“.

Susanne Greiner

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