Eine Stunde nicht nachdenken

Trio LBT versetzt Landsberger Theatersaal mit Acoustic Techno in Schwingung

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Leo Betzl am Piano, Maximilian Hirning am Kontrabass und Sebastian Wolfgruber an den Drums: Das Trio LBT Techno spielt Acoustic Techno.

Landsberg – Acoustic Techno – fast schon ein Oxymoron. Hat man doch bei ‚Techno‘ nicht unbedingt Klavierklänge oder Streichertöne im Ohr. Aber falsch gedacht: Acoustic und Techno funktioniert hervorragend. Wie hervorragend, hat das Leo Betzl Trio, inzwischen LBT, am Mittwochabend im Landsberger Stadttheater bewiesen. Die Besucheranzahl war natürlich begrenzt – „Ein bisserl spooky ist es schon“, kommentierte Musikorganisator Edmund Epple vor dem mit Menschen gepunkteten Zuschauerraum. Applaus kann aber auch aus wenigen Händen überwältigend sein.

Der rechte Fuß von Drummer Sebastian Wolfgruber muss muskelbepackt sein. Denn dessen stoischer Tritt ist es, der den Schlägel auf die Kickdrum schmeißt – und diesen Techno-typischen Beat erzeugt, dessen Schläge den Magen vibrieren lassen. Und den man bald als den eigenen Herzschlag übernimmt, weil er dank ‚analogem Klang‘ so ungemein lebendig ist. Oder wie Epple sagt: „Musik ist Energie, und davon bekommen wir heute reichlich.“

Über Wolfgrubers Rhythmus legt Leo Betzl am Klavier knackig kurze Tastenlaute oder irrlichternde Melodien. Er zupft die Saiten oder deckt sie ab, lockert den Anschlag mittels Mechanik, sodass der Hammer mehrmals gegen die Saite hüpft. Töne, die der Musik ab und zu einen Hauch von Pianobar geben. Sein Drum-Talent zeigt Betzl am wohl selbstgebastelten, nennen wir es mal ‚Plastik-Vibraphon‘: hohle Rohre, die er wie eine Trommel mit den Handflächen schlägt.

In der Mitte steht Maximilian Hirning. Er bearbeitet seinen Kontrabass mit vollem Körpereinsatz: zupft, schlägt die Saiten gerne auch mal mit dem Paukenschlägel, streicht ganze Passagen, was der Musik Sphärenhaftes andichtet. Wenn er seine Saiten lockert, rauschen sie wie Meer. Auf seinem Gesicht breitet sich öfters ein Grinsen aus – wenn das Miteinander der drei in ihren Improvisationen so viel Leichtigkeit und Bauchgefühl produziert, dass Lächeln unausweichlich ist. Auch bei den Zuschauern, bei denen zumindest die Füße schon nach wenigen Takten mitwippen.

Die Musik ist minimalistisch mit maximaler Klang- und Rhythmusvielfalt, ohne Elek­tro-Schnickschnack, ganz anachronistisch akustisch. Die Komponisten sind Betzl und Hirning – die im Münchener Jazzclub Unterfahrt ihre Master- beziehungsweise Zwischen-Master-Prüfung bestanden haben. LBT ist eigentlich ein Jazz-Trio – das hört man vor allem bei den Improvisationen. Und weil das Jazzige immer in der Basislinie der Musik durchschimmert. Betzl gründete das Trio 2015, als er und seine Kollegen am Jazzinstitut der Münchener Musikhochschule studierten. Ab 2017 zog der Techno ein. Mit Erfolg: 2018 gab es den BMW Jazz Award und ein Jahr später den Europäischen Nachwuchs-Jazzpreis der Internationalen Jazzwoche Burghausen.

Das Set dauert rund eine Stunde: Musik, in deren pulsierenden Kokon man sich gerne legt. Danach frenetischer Applaus. Und eine Zugabe, bei der Wolfgruber die ‚Speicholine‘ herausfischt, eine Fahrradspeiche, die zum Schlagwerk umfunktioniert ist. Sie gibt trockene Schlagtöne von sich – wovon sich jeder Fahrradbesitzer überzeugen möge – , während Betzl mit einem Bogen auf einer Saite gespenstisch streicht, durch Schlagen Töne wie Kuhglocken erzeugt.

Eine Stunde dauert das Konzert. Eine Stunde nicht nachdenken sei der schönste menschliche Zustand, den man haben könne, sagt Betzl in einem Interview mit dem BR. Nach dem Konzert weiß man, dass er recht hat.
Susanne Greiner

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