Annäherung an eine Ikone

"Troiza" in der Landsberger Zedergalerie

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Landsberg – Die Zedergalerie: ein langer Gang, rechts und links ‚Schaufenster‘ in kleine Abteile. Das Design der ‚Minimessehalle‘, das manchem nicht wirklich einer Galerie angemessen scheinen mag, wird jetzt belohnt: Ab Samstag ist – trotz Kontaktbeschränkung, aber Dank der ‚Schaufenster‘ – die Ausstellung „Troiza“ des Malers Martin Paulus aus Landsberg und des Bildhauers Willi Weiner aus Stuttgart zu sehen. Eine echte Duoausstellung: nicht ein Thema, das auf Arbeiten zweier Künstler aufgepfropft wird, sondern zwei Künstler, die explizit zu einem von ihnen gewählten Thema arbeiten. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 18. Juli.

Der Ausgangspunkt für die Ausstellung ist ein Heiligtum: die „Dreifaltigkeitsikone“ des russischen Maler-Mönchs Andrej Rubljow – eine bildliche Verkörperung der Trinität, der Wesenseinheit Gottes in drei Personen, Tempera auf Holz. Zu sehen ist das Kunstwerk aus den Anfängen des 15. Jahrhunderts in der Tretjakow-Galerie in Moskau. Die Ehrbezeigungen, die die Galerie-Gäste der mannhohen Holztafel entgegenbringen, dürften westliche Kunstfreunde allerdings befremden: Sie gehen vor dem Kunstwerk auf die Knie.

Paulus bietet auch kleinformatige Arbeiten.

„Die Arbeit von Rubljow ist etwas ganz Besonderes“, betont Paulus, als er zusammen mit Silvia Großkopf und Bert Praxenthaler vom Galerieverein seine Bilder in der Zedergalerie hängt. „Das Thema bleibt für Willi und mich auch weiterhin interessant. Deshalb entstehen auch ständig neue Arbeiten für ‚Troiza‘ – ein ‚Work in Progress‘.“ Denn es ist nicht das erste Mal, dass die Ausstellung zu sehen ist. Gestartet ist sie im vergangenen Jahr in Norddeutschland, wanderte dann über Augsburg nach Memmingen. Landsberg wird Station Nummer 4. Und danach gehen die Arbeiten im Januar nach Stuttgart – in einen sakralen Rahmen: das „Haus der katholischen Kirche“.

Es ist auch nicht das erste Mal, dass die beiden Künstler Paulus und Weiner zusammenarbeiten. „Wir kennen uns schon seit den 80ern“, erzählt der Landsberger Paulus. Damals lebte auch Weiner noch in der Gegend. „Gearbeitet hat er unter anderem in Holzhausen.“ Und schon vor ihrem ersten Projekt – „Äsops Rätsel“ im Jahr 1995 – arbeiteten beide zusammen. „Wir saßen da im Winter bei Eiseskälte im Haus von Willi“, erinnert sich Paulus. Heizen war nicht drin. „Willi hat dann die Kühlschranktür geöffnet, um durch die Abluft des Kühlschranks zu heizen.“

Die Zusammenarbeit laufe eher frei, „fast telepathisch“. Keine ständigen Telefonate, keine Fotos. „Dennoch sind enge Bezüge entstanden“, beurteilt Praxenthaler. Eine symbiotische Zusammenarbeit? „Ja, könnte man sagen“, meint Paulus.

Die „Troiza“ Rubljows, „diese Ikone der Ikonen“, sei „der Nukleus, daraus entspinnt sich das Ganze“, erläutert der Maler. Es gehe ihnen beiden um die Tradition, um die Frage nach den Wurzeln. Dass Werke einer Neuinterpretation unterzogen werden, sei für Musiker alltäglich. Er halte das aber auch in der Kunst für wichtig. „Eine Progression ist meiner Ansicht nach nur mit historischer Basis möglich.“ Ihm gehe es darum, das Vorbild „einzuverleiben“, um daraus im Heute auch etwas Authentisches, Lebendiges zu gestalten.

70 Jahre alte Stoffe

Paulus malt seine Troiza-Varianten mit unterschiedlichen Farben – aber auf ganz besonderem Stoff. Er ähnelt dank der rückseitigen Grundierung von der Festigkeit her einer Leinwand. Doch bei genauerem Hinsehen zeigen sich durchbrochenen Verbundstellen, eingearbeitete Spitze. „Der Stoff ist mindestens 70 Jahre alt“, erzählt Paulus. Er stammt von den Eltern des letzten Jahres verstorbenen Augsburger Galeristen Konrad Oberländer, einem Freund, dem die beiden auch „Troiza“ gewidmet haben. Oberländers Eltern bauten in Ungarn ihren eigenen Hanf an, sponnen ihn und webten daraus die Stoffe, die Paulus jetzt als Untergrund dienen. „Ich habe damals bei Konrad ein Bild gegen die Stoffe eingetauscht“, erinnert er. „Für mich sind sie ein Zeitspeicher.“

Paulus Bilder und die Skulpturen von Willi Weiner (rechts) ergänzen sich.

Weiners Stahl-Skulpturen erinnern an Kultstätten – archaische oder auch futuristische. Ihre Oberflächen wirken wegen des leichten Flug­rosts, der den Cortenstahl überzieht, fast wie Stoff. Und passen so auch in ihrer Farbigkeit auch zu Paulus‘ Werken. Teilweise arbeitet Weiner Blattgold ein, teilweise sind Symbole oder auch einfach nur Flächen mit Lackfarbe betont.

Neben den Großformaten und Skulpturen ist auch viel Kleines von Paulus zu sehen. Kreuzförmiges aus Plastikteilen in Schachteln, Farbarbeiten auf Holztafeln, collagiert mit Fotos aus Andrej Tarkowskijs Film „Andrej Rubljow“ aus dem Jahr 1966. Zusammen mit Weiners Skulpturen eine Kleinteiligkeit, die bisher in der Zedergalerie noch nicht zu sehen war, für Praxenthaler aber passt: „Für mich werden die Abteile so zu einer Art Andachtsraum.“

„Dass sich hier zwei Künstler mit ihren eigenen Mitteln einem Thema annähern, arbeitet die jeweilige Handschrift noch besser heraus“, ist Großkopf überzeugt. Zudem passe die Ausstellung mit ihrem spirituellen, religiösen Aspekt perfekt zur momentanen Ausnahmesituation. Eine Vernissage finde natürlich nicht statt. „Und auch in den Räumen dürfen nur maximal zwei Personen sein.“ Die Ausstellung zu verlegen wäre aber schwierig gewesen. „Und außerdem war es uns auch ein Bedürfnis, sie gerade jetzt zeigen zu können.“

„Troiza“ ist bis zum 18 Juli zu sehen. Geöffnet ist donnerstags und freitags von 15 bis 18 Uhr, samstags von 12 bis 15 Uhr sowie nach Vereinbarung.
Susanne Greiner

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