Spektakuläre Aus- und Einblicke

Über und unter Landsbergs Dächern

Ausblick Schmalzturm
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Axel Flörke (links) zeigt oben im Schmalzturm einen der ältesten Dachstühle von Landsberg, der einen herrlichen Ausblick über die Altstadt bietet.
  • VonAndrea Schmelzle
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Landsberg – Dächer prägen eine Stadt – ganz besonders die Altstadt von Landsberg. Viele Dachstühle sind hier seit ihrer Erbauung nahezu unverändert. Insgesamt sind noch 41 Dachgerüste des 15. Jahrhunderts nachzuweisen, 36 liegen über bürgerlichen Wohn- und Wirtschaftsbauten. Immer vier davon stellt Axel Flörke in einer eigens dafür konzipierten Stadtführung vor. Die führt in die teils mehrstöckigen steilen Dachstühle – und bietet gleichzeitig beeindruckende Ausblicke über die Silhouette von Landsberg.

„Viele Stufen wird es zu besteigen geben“, warnt Axel Flörke schon zu Beginn: Zum siebten Mal führt er seine Gäste ganz nach oben: über und direkt unter die Dächer Landsbergs. Vor einem viertel Jahr hat er die Führung für die Stadt Landsberg konzipiert – und „die Nachfrage ist unglaublich hoch“, sagt er. Schon seine „Historische Keller und Gewölbe-Führung“, die Landsberg unterirdisch zeigt, war und ist begehrt. Und „wenn es nach unten geht, müssen wir schließlich auch nach oben führen“, meint er.

Es starten zwölf gespannte Teilnehmer zuzüglich zwei am Bauch festgeschnallter Babys vor dem Rathaus. Private Dachgeschosse zu besichtigen sei etwas schwierig, erklärt Flörke einführend. Viele hätten da Vorbehalte. Wenn jemand eine Dach­terrrasse für seine Tour zur Verfügung stellen könne, „darf er sich gerne melden“, betont er. Denn jede Führung gestaltet er mit unterschiedlichen Besichtigungspunkten. Dieses Mal liegt der Tenor auf öffentlichen Dachstühlen und -terrassen.

Kleine Dächer

Erster Halt aber zunächst: am Blindenstadtmodell Landsbergs. „Die Dächer der Altstadt sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sehr klein sind“, erklärt Flörke hier. Und erzählt über die Stadtgründung unter Heinrich dem Löwen, der systematischen Grundstücksvergabe unter den Wittelsbachern („jeder wollte eins am Hauptplatz oder in der unmittelbaren Umgebung haben“), der Gründung des ersten Stadtmauerrings.

Erste Station „nach oben“: die Dachterrasse des Schafbräu. Vor dem Aufstieg gibt es erneut Geschichte: über den Einfall der Ungarn, die Bebauung der Anger, die zuvor reine Weidefläche waren, die vielen Großbrauereien, die es früher hier gab. Auch das Schafbräu war ein Brauereigasthof. Ende des 17. Jahrhunderts ist er zum ersten Mal namentlich erwähnt worden.

Drei Stockwerke weiter oben: dessen Dachterrasse. Von hier aus sieht man nicht nur die alte Stadtmauer, sondern auch den gesamten Vorder- und Hinteranger sowie die dazwischenliegenden kleinen Gärten und (privaten) Dachterrassen.

Die zweite Station führt zum Dachstuhl im ältesten Turm Landsbergs, dem Schmalzturm. Im Jahr 1320 wurde er erstmalig erwähnt. Auch hier gibt es viele Infos zu seiner Geschichte: über seine Funktion als Zoll- und Grenzstation, seinen früheren Namen, nämlich „Bayertor“, seine dunkle NS-Vergangenheit, das darin angesiedelte Amtszimmer des Oberbürgermeisters, den Verkauf des Gebäudes an die Sparkasse.

Sieben Stockwerke geht‘s nach oben, zunächst „komfortabel“ von Etage eins bis drei über die Sparkasse, die restlichen vier Stockwerke dann enger, uriger über die alten Holzstiegen des Schmalzturms. Durch Taubendreck und noch manchen toten Tauben, die „den Weg pflastern“, geradezu auf eine herrliche Aussicht über ganz Landsberg zu.

Natürlich stets mit einem historischen Blick: etwa auf die kleine Burg des Adelsgeschlechts der von Pfettens, die gleichzeitig für die Siedlung Phetine namensgebend waren.

Einen Kontrast gab es am dritten Halt, der zu einem alten Gebäude, mit ganz moderner Dachterrasse führt: nämlich die des Historischen Rathauses, die die Stadt Landsberg ab 2005 im Zuge des Anbaus für den Sitzungssaal errichtet hat. „Vielleicht keine Schönheit, aber zweckmäßig“, meint Flörke, „damit man bei Empfängen im Rathaus auch mal rausgehen kann.“ Auch hier darf Geschichte nicht fehlen: zur von Dominikus Zimmermann errichteten Fassade oder zum früheren Rathaus, das sich damals noch direkt am jetzigen Marienbrunnen befand.

Nahtloser Übergang

„Alt“ wird es wieder bei der letzten Station, dem urigen Dachgebälk über der Musikschule, über der Klosterkirche im ehemaligen Ursulinenkloster und über der Volkshochschule. Denn oben, direkt unter dem Dach, geht es nahtlos ineinander über. „Einer der beeindruckendsten und ältesten Dachstühle, die man in Landsberg sehen kann“, sagt Flörke. Alte Drehbalken (zum Heraufziehen von Waren) und ein Uhrwerk von 1878 sind zu sehen. Das würde sogar noch funktionieren, würde sich jemand bereit­erklären, es zu bedienen. Im alten Gebälk noch die eingeritzten Anfangsbuchstaben der Namen der Zimmermänner, die sich auf einer Seite des Dachstuhls im Jahr 1764, auf der anderen im Jahr 1765 verewigt haben. Genau ein Jahr habe es demnach gedauert, bis der Bau fertig war, sagt Flörke. Und berichtet von der Geschichte der Ansiedlung des Ursulinenkonvents, über Männergesellschaften, übers Frauenwahlrecht, über die Veräußerungen des gesamten Gebäudekomplexes, der sich jetzt im Stadtbesitz befindet.

Hier oben hat es was Gemütliches: der urige Dachstuhl, der prasselnde Regeln, der von draußen zu hören ist. Zum Glück hört er pünktlich zum Ende der Dachführung auf. Die Eindrücke von faszinierenden Perspektiven und Einblicken, die man sonst sicherlich nicht zu sehen bekommen hätte, wirken aber noch lange weiter.

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