"Uneinsichtig und dreist"

Eine wirklich gute Ausrede warum er Rezepte fälschte und Drogenersatzstoffe hortete, hatte der 31-jährige Angeklagte nicht. Cartoon: Pfeffer

„Wie für einen normalen Menschen das Essen, wie für einen Diabetiker das Insulin“ – so wichtig sei für ihn der Drogenersatzstoff Polamidon, beteuerte ein suchtkranker Angeklagter vor dem Schöffengericht Landsberg. Er hatte Rezepte gefälscht, angeblich, um sich einen Vorrat der Tabletten anzulegen. Außerdem hatte er verbotenerweise noch andere Betäubungsmittel in seinem Besitz. Nun muss er ins zwei Jahre und sechs Monate Gefängnis, befand Richter Mathias Neumann.

Seit 1998 wird der 31-jährige Landsberger mit Polamidon substituiert, das ihm ein Leben ohne Heroin ermöglicht. So schaffte der gebürtige Kasache die Ausbildung zum Mechatroniker und machte sich mit einem Vertrieb von DVD-Auto-maten selbstständig. Er unterhielt Geschäftsbeziehungen nach Italien und Russland. Für seine häufigen Russland-Reisen habe er zusätzliches Polamidon benötigt, damit es ihm unter keinen Umständen jemals ausgehe, erklärte der Angeklagte vor Gericht. „Man kann ohne das Medikament nur einen Tag überstehen.“ Deshalb fertigte er Farbkopien von den Rezepten an, die ihm sein Arzt ausstellte. In zwei Apotheken in Landsberg und Kaufering erhielt er daraufhin mehrmals das Polamidon, beim sechsten Mal jedoch wurden die Mitarbeiter misstrauisch. Dieses Mal handelte es sich um ein Urlaubsrezept mit der dreifachen Menge des Mittels. Als die Apotheken daraufhin beim Arzt des Mannes und bei der Bundesopiumstelle in Berlin nachforschten, flog die Fälschung auf. Prompt rückte die Polizei zur Wohnungsdurchsuchung bei dem 31-Jährigen an. Dort fand sie auch noch einen Vorrat des Schmerzmittels Suboxone, der nicht in seinem Besitz hätten sein dürfen. Die Tabletten hätten im Notfall als Ersatz für das Polamidon dienen sollen, erklärte der Angeklagte. „Aber ich habe sie nicht vertragen. Ich hatte ganz vergessen, dass ich sie noch hatte.“ Ganz vergessen haben wollte er auch, dass er einen Blisterstreifen mit Suboxone-Tabletten noch in der Jackentasche mit sich herumtrug – damit erwischte ihn die Polizei vier Wochen später bei einer Routinekontrolle auf der Autobahn bei Lindau. Der Vorsitzende Richter Matthias Neumann und die Schöffen taten sich schwer mit den angeblichen Gedächtnislücken. Die Menge an Medikamenten – insgesamt wurden 82 Tabletten gefunden – sei über den Vorratsbedarf hinausgegangen, hielt Neumann dem Angeklagten vor. Dass der 31-Jährige mit den Betäubungsmitteln Handel treiben wollte, ließ sich nicht beweisen, aber auch nicht von der Hand weisen. Der Mann hatte Spielschulden, seine Firma lief schlecht, trotzdem lebte er auf recht großem Fuß. Außerdem reichten für eine Verurteilung allein schon der Besitz der Suboxone-Tabletten sowie die mehrfache Urkundenfälschung. Sieben Vorstrafen fielen erschwerend ins Gewicht. Dass sich der Angeklagte nach seiner Wohnungsdurchsuchung noch einmal mit verbotenen Tabletten erwischen ließ, nannte Neumann „uneinsichtig und dreist“. Für zwei Jahre und sechs Monate muss der 31-Jährige nun hinter Gitter. Staatsanwältin Susanne Wosylus hatte zwei Jahre und neun Monate gefordert, Verteidigerin Anita Trautwein plädierte auf eine Bewähungs­strafe von einem Jahr und acht Monaten. Bewährung komme jedoch nicht in Frage, machte Neumann dem Angeklagten klar. „Sie haben den Sanktionskatalog wirklich ausgeschöpft.“

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