Ein unvergessliches Musikgeschenk

Es ist schon eine faszinierende Geschichte. Da zieht ein junger Landsberger Musiker hinaus in die Welt und wird Mitglied in einem Symphonieorchester, das zu den weltbesten zählt. Wenn dann die Philharmoniker von ihrem umfangreichen Engagement in Deutschlands Hauptstadt in die wohlverdiente Sommerpause entlassen werden, sammelt dieser Landsberger etliche seiner Kollegen und Freunde ein und entführt sie mit ihren Familien in seine Heimatstadt. Dann ist Zeit für die „Landsberger Sommermusiken“.

Ohne Gage bieten sie den heimischen Musikliebhabern eine „Auswahl aus der Fülle“ musikalischer Kunst. Zum zwölften Mal fanden die „Sommermusiken“ am Wochenende statt – auch so eine Art Sommermärchen, obwohl dieser Begriff momentan von den Fußballfans in Beschlag genommen wird. Der Begeisterung der Konzertbesucher tut dies keinen Abbruch, viele sind am Sonntagabend zum Abschlusskonzert in die Aula der Landsberger Berufsschule gekommen, so viele, dass schnell noch weitere Stuhlreihen angegliedert werden. Der Festsaal des Historischen Rathauses ist längst zu klein geworden. Die Aula bietet mit ihrer offenen Architektur unter Einbeziehung von vielen Holz und Glaselementen einen idealen Rahmen und wird von den Interpreten auch wegen ihrer „ausgesprochen guten Akustik“ geschätzt. Passend zum Thema auch das Wetter: ein heißer Sommerabend, noch sind Fenster und Türen weit geöffnet, um die Temperatur etwas zu senken. Sommerlich wirkt auch die Garderobe, locker wie die Stimmung des erwartungsvollen Publikums. Unter Applaus nehmen sechs Musiker ihre Plätze ein, standesgemäß schwarz gekleidet aber der Hitze Rechnung tragend ohne Jackett oder Hals einengende Accessoires. Felix Mendelssohn Bartholdys Konzertstück Nr. 1 f-moll begleitet eine nette Entstehungsgeschichte. Der Komponist wünschte sich im Hause Baermann sein Leibgericht „Dampf. nudeln und Rahmstrudel“, worauf als Gegenleistung eine Komposition für Klarinette Bassett­horn und Klavier verlangt wurde. Heinrich Baermann galt als bester Klarinettist seiner Zeit, sein Sohn Carl war Virtuose auf dem Bassetthorn. Das Berliner Ensemble spielte eine Fassung für Oboe, Fagott und Streicher. Fast wie in einem Zwiegespräch wurde die zarte Melodie zwischen Fagott und Oboe entwickelt, begleitet von Pizzicati der Streicher. Die Künstler brachten den Auf-und-Ab-Gegensatz zum Hauptthema so vollendet zum Ausdruck, dass dies durch sich selbst zu wirken schien. Der spritzig furiose Ausklang im Presto forderte das Publikum zu lebhaftem Beifall heraus. Das Trio g-moll für Violine, Viola und Violoncello von Felice Giardini führte in der Zeit um 55 Jahre zurück. Mit seinem freien, anmutigen „Style Gallant“, der die Strenge des Spätbarocks auflösen sollte, fühlte sich der italienische Geiger und Komponist der Vorklassik von Johann Christian Bach, Stamitz und der Mannheimer Schule verbunden. Dass er als Virtuose besonderes Gespür dafür hatte, wie er seinem Instrument den besten Klang entlocken konnte, das wussten die Künstler eindrucksvoll zu demonstrieren. Man konnte sich völlig im Einklang mit dem Raum fühlen. Begeisterter Applaus belohnte die Ausführenden. Mittlerweile hatte sich der Himmel verdunkelt, ein Gewitter war aufgezogen. Als ob die Wetterchoreographie bestellt worden wäre für den musikalischen Stimmungswechsel. Der 19-jährige Frédéric Chopin komponierte das Trio g-moll für Klavier, Violine und Violoncello. Wie bei der hohen Qualität der Darbietung fast selbstverständlich erschloss sich für den Zuhörer die neue romantische Sensibilität aber dabei doch ganz individuelle Sicht Chopins. Die von Klavier und Streichern erzeugten Töne lösten sich auf und fanden wieder zusammen, atemlos in einem Finale von betörender Rhythmik. Mit überschwänglichem Klatschen wurden die Musiker in die Pause entlassen. Shakespeares Werke wurden in Deutschland erst durch die ersten brauchbaren Übersetzungen von Wilhelm von Schlegel populär. Der junge Felix Mendelssohn Bartholdy begeisterte sich vor allem für den „Sommernachtstraum“. Als 17- Jähriger komponierte er die weltberühmten Melodien der Sommernachtstraum-Ouvertüre, 17 Jahre später vollendete er die Schauspielmusik. Das Berliner Ensemble um Christoph Hartmann trug den „Sommernachtstraum“ in einem Arrangement von Wolfgang Renz vor, der Schauspieler Hans-Jürgen Schatz richtete einen Handlungstext aus den Schlegelschen Zitaten ein. Sphärische Klänge der Streicher öffneten das Tor zum Feenreich. Nacht, Wald, der märchenhafte Stoff – die roman­- tischen Ideale lassen sich in dieser Inszenierung besonders gut wieder finden. Im Dialog mit der Musik vermittelt Schatz in Gestik und Mimik, ungemein variabel, die zauberhafte Stimmung. Und den Künstlern sieht man richtig die Freude am musizieren an, beim Hochzeitsmarsch mit einfühlsamer Bewegung. Man mag Mendelsohn den Vorwurf machen, programmmusikalisch zu arbeiten, das Gefühl unserer Zeit hat er bestimmt getroffen. Das Publikum in der Aula der Landsberger Berufsschule ließ sich jedenfalls verzaubern. Beifall brandet auf, erst allmählich erwacht man aus der Verzauberung, dann kommen die Bravo-Rufe. Ein unvergesslicher Abend, ein Geschenk, das das Berliner Ensemble mit Unterstützung der Familie Hartmann und den vielen freiwilligen Helfern den Landsbergern gemacht hat.

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