Enttäuscht, weil getäuscht?

Karl-Schrem-Bau wird abgerissen!

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Der Rückbau ist beschlossen: Aufgrund der Kontamination durch Altlasten sei eine Bestandssanierung des Karl-Schrem-Baus kostenmäßig nicht darstellbar. Der Rückbau erfolgt klassisch per „Abrissbirne“ ohne zeitliche Verzögerung des Gesamtprojekts.

Landsberg – Der unumgängliche Abriss des Karl-Schrem-Baus der ehemaligen Pflugfabrik sorgt im Stadtrat für Empörung. Einige Ratsmitglieder unterstellten in der jüngsten Sitzung gar, dass aus wirtschaftlichen Gründen ohnehin ein Abriss des markanten Industriegebäudes geplant gewesen sei. Sie fühlen sich getäuscht – durch den Bauträger und die Stadt. Eine Abstimmung gab es vergangene Woche im Stadtrat nicht, lediglich eine Information.

Das Urbane Leben am Papierbach (ULP) verliert einen markanten Blickfang – oder doch nicht? Im Stadtrat informierte Architekt Klaus Kehrbaum für Bauträger ehret + klein darüber, dass der Karl-Schrem-Bau nicht erhalten beziehungsweise nicht in seiner jetzigen physischen Form in das Gesamtprojekt einbezogen werden kann. Drastisch formuliert: das Industriegebäude muss abgerissen werden, weil es gleich aus mehreren Gründen nicht erhalten und wirtschaftlich vertretbar „umgebaut“ werden könne.

Die vorgetragene Gründe: Die Bausubstanz sei extrem mit Altlasten (Öl, Benzin, Asbest, Korrosion und Carbonisierung) mehrere Zentimeter tief durchsetzt; kontaminierte Schichten müssten zwingend bis in die Bewehrung abgetragen werden – und das würde die Restsub­stanz des Gebäudes statisch gefährden. Hinzu käme, dass die anschließend einzuziehende Nachbesserung mit Beton sich nicht ohne Risiken mit den früheren Zement-Gemischen verbindet.

Zum Zweiten seien die Vorgaben der Energieeinsparverordnung (ENEV) beim Karl-Schrem-Bau nicht erreichbar. Der durch den städtebaulichen Vertrag eingeforderte hohe energetische Standard KfW55 wäre mit dem Konzept der Bestandssanierung nicht möglich, heißt es in einem Begleitbrief von ehret + klein. Wäre der Bau als denkmalgeschützt eingestuft worden – hierzu gab es diverse gescheiterte Anläufe – hätte man die angeführten bautechnischen Vorgaben umgehen können. Und zum Dritten wären Brand- und Schallschutz nur durch zusätzlich außen aufzubringende Baustoffe machbar, wodurch die äußeren Abmessungen des Baukörpers verändert würden.

Werthaltige Bauplanung

Zu guter Letzt führt ehret + klein in der Begründung für den Rückbau an, dass die Fassadengestaltung in der ursprünglichen Form mit der 1,70 Meter hohen Brüstungen nicht den Erfordernissen des heutigen Wohnanspruchs gerecht geworden wäre. Die Bodenplatte des Industriebaus hätte ebenfalls komplett entfernt und erneuert werden müssen. Somit sei letztlich der Rückbau unumgänglich, trotz intensiver Bemühung für den Bestandsschutz.

Der Rückbau werde „klassisch“ vollzogen, also mit der Abrissbirne, und durch einen Neubau mit der gleichen Kubatur und der „gleichen Geschossigkeit“ ersetzt; die raue Fassadenkonzeption soll beim Neubau für den markanten Eindruck des Industriebaus sorgen.

Trotz der sorgfältigen Wortwahl seitens des Bauträgers und der Erklärungen und Begründungen durch Architekt Kehrbaum gab es im Stadtrat teils heftige Reaktionen und Diskussionsbeiträge. Sie richteten sich sowohl gegen den Bauträger als auch gegen die Stadt. Während Stadtbaumeisterin Birgit Weber argumentierte, man sei insgesamt davon ausgegangen ist, den Karl-Schrem-Bau erhalten zu können und dass dies motivierend für die Ausarbeitung des städtebaulichen Vertrags gewesen sei, ging Christoph Jell (UBV) gleich in die Vollen: Es bestehe der Eindruck, seitens des Bauträgers sei alles für die Vertragszustimmung versprochen worden, was notwendig für die Vertragszustimmung gewesen sei – und danach wäre es doch anders gelaufen. Fraktionskollege Wolfgang Neumeier polterte, die „klar erkennbaren wirtschaftlichen Interessen“ des Bauträgers stünden eindeutig im Vordergrund. „Unsere Aufgabe ist es nicht, die Wirtschaftskonzepte von Bauherren zu bewerten, wir sind für die städtebauliche Entwicklung der Stadt zuständig. Die vorgetragenen Erschwernisse sind überwindbar, trotz der wirtschaftlichen Erschwernisse.“

Enttäuschung überwiegt

Noch massiver ging Hans-Jürgen Schulmeister (Landsberg Mitte) in die Kritik: „Es ist eine Enttäuschung, dass die ursprünglichen Aussagen nicht mehr gültig sind bezüglich der städtebaulichen Prägung des Projekts durch den Karl-Schrem-Bau. Man hätte den Industriebau schon viel früher gründlich untersuchen müssen, dann wäre die Beschlussfassung heute anders.“

Hans-Jürgen Schulmeister kritisierte auch Rechtsanwalt Dr. Gerhard Spiess, der seinerzeit von der Stadt mit der Ausarbei­tung des umfangreichen Vertragswerks beauftragt worden war. Der Jurist hätte wissen können, dass der dominierende Bau nicht unbedingt erhalten werden müsse, und er hätte dies dem Stadtrat in aller Klarheit mitteilen müssen. In den Vertragsverhandlungen habe es keinerlei Hinweise gegeben, dass das Gebäude nicht erhalten werden könne, entgegnete Spiess. Und Stadtbaumeisterin Weber betonte: Der über 900 Seiten umfassende Vertragsentwurf sei allen Fraktionen vorgestellt und mit deren Experten besprochen worden.

Abschließend räumte auch Architekt Kehrbaum ein, vom Ergebnis des Gutachtens überrascht und enttäuscht gewesen zu sein. „Aber wir mussten dem Bauherren mitteilen, dass sein Vorhaben technisch extrem erschwert wird und hinsichtlich der damit verbundenen Kosten nicht mehr darstellbar ist“.

1:1-Wiederaufbau

In der Tischvorlage zur Ratssitzung wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Besonder­heiten des ehemaligen Industriebaus beim Wiederaufbau nicht aufgegeben werden dürfen. Das betrifft unter anderem die Fassadengliederung, die Zahl der Geschosse, ein kühles und raues Erscheinungsbild und die Fassadenelemente – hierzu gehören Vordach und Rampe. Diese Merkmale sollen einen wesentlichen Beitrag zur Identität des Ortes leisten.

Daher empfiehlt der Gestaltungsbeirat, die städtebaulichen und gestalterischen Qualitäten des Karl-Schram-Baus und seines Umfeldes auch bei einem Um- beziehungsweise Neubau beizubehalten und dabei das Ergebnis des Fassadenwettbewerbs entsprechend umzusetzen. Bleibt abzuwarten, ob das denn auch gelingt, oder ob es weitere Enttäuschungen geben wird.

Wolfgang Klinker

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