"Nun macht mal schön…"

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Während auf dem Oktoberfest „Refugees Welcome“-Herzen alibimäßig verkauft wurden, diskutieren in Utting die echten Bewältiger der Flüchtlingskrise (von links): BRK-Asylberaterin Michaela Zeilmeir, Vize-Bürgermeisterin Margit Gottschalk und Barbara Rösner, Leiterin Sachgebiet Asylangelegenheiten im Landratsamt. Als Versammlungsleiter und Moderator fungierte Landrat Thomas Eichinger (stehend).

Utting – „Wir schaffen das“, sagt die Kanzlerin. Ange-sichts des nicht abreißenden Flüchtlingszustroms ergänzt Minister de Maizière „Wir schaffen das … nicht so ohne weiteres. Das ist schon eine enorme Anstrengung!“ Er fügt hinzu: „Man muss die Bürgermeister und Landräte loben, dass sie das überhaupt so hinkriegen.“

Dieses Lob trifft voll zu auf Landrat Thomas Eichinger, Uttings Bürgermeister Josef Lutzenberger und seine Vize Mar- git Gottschalk. Ihre Gemeinde hat inzwischen mehr als 100 Flüchtlinge aufgenommen und tut alles, um das Asyl erträglich zu machen. Und sorgt dafür, dass zumindest am Ammersee Westufer die Willkommenseuphorie nicht kippt wie bei über 50 Prozent der deutschen Bevölkerung, wie Infratest Dimap für den ARD-Deutschlandtrend aktuell ermittelte.

Aus Anlass des Zuzugs von 60 neuen Asylbewerbern in das ehemalige Hotel Seefelder Hof luden Landrat und Gemeinde zu einem Informationsabend in das Katholische Pfarrheim ein. Über 150 Bürger und ehrenamtliche Helfer vom gesamten Westufer waren gekommen. Mitarbeiter vom Roten Kreuz und Landratsamt standen Rede und Antwort bei der lebhaften Frage-Antwort-Runde.

Dabei resümierte Landrat Thomas Eichinger, dass der Landkreis inzwischen 950 Asylbewerber beherberge, verteilt auf über 70 Objekte. Sie kommen unter anderem aus Syrien, Pakistan, Afghanistan, Eritrea, Kosovo, Nigeria und Senegal. Etwa 500 weitere Asylanten sind bis Jahresende angekündigt, wahrscheinlich werden es mehr. „Jede Prognose wäre schwammig“, sagt Eichinger. „Wir können für rund 1500 Unterkünfte sorgen – ohne Tiefgarage wie im Fürstenfeldbruck.“ Dank der dezentralen Unterbringung im Landkreis sei es gottlob noch nicht zu ethnischen oder religiös motivierten Auseinandersetzungen unter den Flüchtlingen gekommen.

Auf Utting bezogen kündigte der Landkreischef an, das Jugendübernachtungshaus, wo derzeit Asylbewerber untergebracht sind, zeitnah wieder freimachen zu wollen. Dazu suche man derzeit nach anderen Kapazitäten. Eichinger schränkte aber auch ein, dass das Landratsamt nur „ausführendes Organ auf unterster Ebene“ sein, die Anweisungen kämen von der Regierung von Oberbayern nach dem Motto „Nun macht mal schön…“

Mit Kümmerer

Die Betreuung der Flüchtlinge stand im Mittelpunkt der Diskussion. Rotes Kreuz und Diakonie seien überfordert mit einer umfassenden Betreuung, die vielen Ehrenamtlichen stoßen auch an die Grenze der Belastbarkeit. Was fehlt, seien hauptberufliche Betreuer, Koordina- toren, Deutschlehrer und Dolmetscher. Zwar werde staatlicherseits ab 75 Bewohnern in einer Einrichtung ein sogenannter „Kümmerer“ genehmigt, was aber nur einer Hausmeisterfunktion mit etwas mehr Befugnissen entspricht. Für den Seefelder Hof versprach der Landrat, sich für einen Kümmerer einzusetzen, obwohl die Zahl 75 hier nicht erreicht sei.

Sozialarbeiter können nur über Wohlfahrtsverbände verpflichtet werden. Derzeit gibt es den Raum Ammersee-West nur fünf besetzte Stellen beim Roten Kreuz, eine bei der Diakonie. Asylbewerber seien im Grunde sich selbst überlassen. Der Schondorfer Horst Biallo, selbst im Helferkreis aktiv, erklärte sich ob dieser Misere bereit, eine Halbtagsstelle für einen professionellen Koordinator aus eigener Tasche zu finanzieren.

Das Thema Deutschunterricht nahm einen großen Raum ein in der Diskussion. Es werden von Ehrenamtlichen zwar Alphabetisierungs- und Deutschkurse abgehalten, aber eine Kooperation mit den Volkshochschulen am See wäre wünschenswert, ähnlich wie im Beispiel von Kaufering. Ebenso die Entwicklung eines Flyers in verschiedenen Sprachen und auch mit Piktogrammen, ein Art „Gebrauchsanleitung“ für die wichtigsten Grundwerte und Regeln im Gastland Deutschland. Nicht zu verges-sen die Verkehrsregeln, denn Asylbewerber bewegen sich vornehmlich mit dem Fahrrad durch den Landkreis, ohne die Vorschriften zu kennen.

Vorschläge wie Patenschaften für Flüchtlinge, Geschenke oder Einladungen zu Weihnachten oder Einbindung der Asylbewerber in der Betreuung von Neuankömmlingen wurden lebhaft diskutiert, wobei Eichinger als souveräner Moderator auftrat. Alles in allem eine Veranstaltung, die den Willen der Uttinger, Schondorfer und Dießener unterstrich, den Flüchtlingen bei der Integration zu helfen, wo es nur geht.

Wer sich angesprochen fühlt und ehrenamtlich mitarbeiten will, kann sich bei der Asylbetreuung des Roten Kreuzes in Dießen melden. Ansprechpartnerin ist Michaela Zeilmeir unter Tel. 08807/2069837 oder 0151/40908362.

Dieter Roettig

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