Verkehrsplan als Befreiungsschlag:

Neues Stadtbus-System in Landsberg?

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Mögliche Linienführung der Buslinien A und B. Fahrradsymbol: „Rendezvous-Punkte“. Bussymbol: Ergänzende Nahbusse. Parkplatz-Symbol: Zentrale Ortsrandplätze.

Landsberg – Am heutigen Mittwoch entscheidet der Stadtrat über die Zulässigkeit des Bürgerbegehrens zum beabsichtigten Baustopp. Die Initiatoren geben an, Wohnungsbau in ihrer Nachbarschaft verhindern zu wollen, solange nicht ein „schlüssiges und nachhaltiges Verkehrskonzept“ besteht. Den vom Stadtrat in Auftrag gegebenen „Verkehrsentwicklungsplan“, der zusammen mit dem Flächennutzungsplan die Grundlage weiterer Bebauung darstellen soll, sehen sie offenbar als nicht ausreichend an. Aber ist diese Sorge begründet? Der KREISBOTE erhielt Einblick in einen der Vorschläge zum Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), die derzeit von den Verkehrsplanern geprüft und mit Zahlen hinterlegt werden. Dessen Verwirklichung hätte die Wirkung eines Befreiungsschlags.

In Landsberg werden nur fünf Prozent der Wege im öffentlichen Personennahverkehr zurückgelegt, davon nur zwei Prozent mit dem Stadtbus. Für 63 Prozent der Strecken nutzen die Landsberger das Auto. 15 Prozent aller PKW-Fahrten sind nicht länger als ein Kilometer; in 45 Prozent aller Fälle ist das Ziel nicht mehr als drei Kilometer entfernt. „Wir haben daher die große Chance, den Straßenverkehr modal zu verlagern, also nicht von einer Straße auf die andere, sondern von einem Verkehrsmittel auf das andere“, sagte kürzlich Dirk Kopperschläger, federführender Verkehrsplaner beim Ingenieurbüro Brenner BERNARD..

Ausgangspunkt des konkreten Vorschlags, den Stadträte als „aussichtsreich“ einstufen, ist die Bekräftigung, dass der motorisierte Individualverkehr in und durch das Landsberger Zentrum zum Schutz der Umwelt, zur Verbesserung des Verkehrsflusses und zur Lösung von Parkplatzproblemen reduziert werden soll. Das Papier geht davon aus, dass dazu eine Sperrung des Hinterangers und des Hauptplatzes sowie Tunnel- oder Umfahrungslösungen nicht infrage kommen. Anders als bei Fahrradwegen, deren Bau und Verbreiterung nach dem Wegfall der Straßenausbaubeiträge erheblich einfacher geworden sei, gebe es bei Tiefbaumaßnahmen lange Planungszeiträume. Das Konzept setzt daher bei bereits in Planung befindlichen Maßnahmen an. Insbesondere die beabsichtigte Neuordnung im Zusammenhang mit dem „Urbanen Leben am Papierbach“ biete dazu eine Chance.

Die meisten Bürger und Besucher würden neue Mobilitäts­optionen nur dann nutzen, wenn sie kumulativ vier Prüfsteine erfüllen. Die Nutzung müsse „clever und bequem sein“ sowie „Kosten und Zeit sparen“. Das bisherige Bussystem in Landsberg erfülle diese Voraussetzungen nicht. Die Anzahl der beförderten Personen sei von 2009 bis 2016 um 25 Prozent zurückgegangen, obwohl Landsberg in dieser Zeit um fünf Prozent gewachsen sei. Der Stadtbus befördere pro Tag nur 1.380 Personen; in der gleichen Zeit führen 17.000 Autofahrer allein über den Hauptplatz. 55 Prozent der Busnutzer hätten Wochen- oder Monatskarten. Pro Fahrt gebe es nur 2,25 Personen, die den Bus nicht regelmäßig nutzen. Das Fazit: „Das ist ein soziales Bussystem vor allem für Nicht-Autofahrer. Wer normalerweise Auto fährt, nutzt es so gut wie nicht“, heißt es in dem Papier. Dirk Kopperschläger: „Der Stadtbus ist in Landsberg als Daseinsvorsorge für die Menschen konzipiert, die kein anderes Verkehrsmittel nehmen können.“

Die Probleme hießen „Linie, Takt und Preis“, so das Papier. Wenn es 30 Minuten dauere, bis der nächste Bus fährt, komme er als kurzfristig einsetzbares Verkehrsmittel nicht in Betracht. Der Takt der Landsberger Stadtbusse werde der heutigen Zeit nicht gerecht. Auch der Preis sei mit 1,40 Euro pro Fahrt, also 2,80 Euro für Hin- und Rückfahrt, relativ hoch und entspreche immerhin dem Äquivalent von über zwei Stunden Parken in der Tiefgarage.

Das neue Konzept

Das neue Konzept sieht vor, in Landsberg zwei Schnellbuslinien zu schaffen. Die Busse auf Linie A pendeln von Nord nach Süd und zurück, die Busse auf Linie B von Ost nach West und zurück. Die (Hybrid-) Busse fahren im Zehn-Minuten-Takt und treffen sich an einer zentralen Umsteige-Haltestelle am ohnehin neu zu gestaltenden Spöttinger Kreisel. Fahrpläne gibt es nach diesem Konzept nicht mehr; die Wartezeit soll so kurz sein, dass es keinen Sinn mehr macht, in einen Fahrplan zu schauen.

Pendler und Ortsfremde können nach dem Vorhaben bis zu einem der vier Parkplätze am Rande der Stadt fahren (Bahnhof Kaufering, P+R Landsberg-West, Erpftinger Straße, Fachmarktzentrum/Landrats­amt-Außenstelle), die zuvor erweitert werden. Von dort könnten sie mit einem vergünstigten Tagesticket, das nur für die „Durchmes­serlinien“ gilt, in die Busse steigen. Landsberger Bürger sollen diese Linien kostenlos nutzen können. Wer innerhalb der Stadt wohnt, hat die Wahl, ob er zu Fuß zu einer der beiden zentralen Linien geht, einen Zubringer-­Bus nimmt oder mit dem Fahrrad einen von sieben angedachten „Rendezvous-Punkten“ ansteuert; das sollen „überdachte und videoüberwachte Stellplätze“ sein.

Dieser Ansatz verdeutlicht, dass das Konzept auf einen Mobilitäts-Mix setzt. Kurze Wege im eigenen Quartier sollen primär zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Der Grundgedanke: Dort sind die Wege und auch die Tücken der Radwege bekannt. In vielen Straßen ist außerdem nur Tempo 30 erlaubt. Die Entfernungen bis zur nächsten Haltestelle sollen so kurz sein, dass sie für viele Bewohner machbar sind.

In einigen Fällen (siehe Bussymbole in der nebenstehenden Abbildung) seien die beiden zentralen Linien durch kleinere Zubringerbusse zu ergänzen. Der Zubringer Ellighofen/Erpfting fahre von Ellighofen über Gut Mittelstetten und Erpfting zum Danziger Platz; dort bestehe Anschluss an beide Durchmesserlinien. Die Zubringer aus Pitzling und aus Reisch fahren dem Entwurf zufolge beide zum Bayertor, wo entweder ein Umstieg in die Linie B möglich ist oder der Fußweg in die Stadt. Zusätzlich könnten drei Pendelverkehre eingerichtet werden: Schwaighofkreuzung/Spöttinger Kreisel, Ahornallee/Spöttinger Kreisel sowie Pössinger Straße/­Bayertor und zurück.

Zentraler Umstiegsort

Die zentrale Umsteige-Haltestelle „Am Papierbach“, an dem sich beide Linien treffen, errichtet die Stadt dem Konzept zufolge im Rahmen der Neugestaltung des Spöttinger Kreisels. An dieser Stelle besteht später auch die Möglichkeit, zu Fuß durch das Papierbach-Areal über den Lady-Herkomer-Steg in die Altstadt zu gehen. Wer diesen Fußweg scheut, kann auch mit Linie B zum Hauptplatz fahren. Der zentrale Ort erlaube zudem einen einfachen Zugang zum Sportzentrum. Die Linien A und B seien im Übrigen so konzipiert, das die Katharinenstraße und die Schwaighofkreuzung nicht berührt werden. Auch fahre kein Bus durch den Vorder- oder den Hinteranger.

Das Papier fasst abschließend Vor- und Nachteile des Vorschlags zusammen. Es entstehe ein einfach zu verstehendes, fahrplanloses Bussystem. Es sei gleichermaßen für Bürger, Pendler und Besucher geeignet. Es bringe kurzfristig mehr Sicherheit durch den Mix „Fahrrad auf der Kurzstrecke, Bus auf der Langstrecke“. Es sei für Bürger kostenlos und für Besucher kostengünstig. Es verbinde Park & Ride an den Außenstellen der Stadt mit modernem „Hop On/Hop Off“-Verkehr. Am Spöttinger Kreisel könnten zudem Serviceeinrichtungen entstehen; gedacht ist vor allem an eine zentrale Paketstation, die von allen Zustelldiensten genutzt werden könne.

Den Beteiligten sei klar, dass die Lösung nur zusammen mit dem Landkreis und den Busunternehmen zu verwirklichen sei, zumal die Konzessionsvergabe nach einer europaweiten Ausschreibung langfristig erfolgt sei. Weiterer Nachteil seien die Kosten – mit den bisherigen Budgets sei diese Lösung nicht zu verwirklichen.

Mit dem Strategiekonzept „Landsberg 2035“ sind die Maßnahmen nach dessen Angaben in vollem Umfang vereinbar. Als Ziel ist dort zunächst global die Verbesserung der Attraktivität des ÖPNV genannt. Später heißt es: Der Kurzstrecken-Individualverkehr soll reduziert werden. Die Linienführungen sollen optimiert werden. Die Abstellmöglichkeiten für Fahrräder sind zu verbessern. Das Tarifangebot ist zu überprüfen. Das Strategiepapier spricht davon, Fahrten mit dem Bus sollten „möglichst kostenfrei“ sein. Insofern liegt der jetzt bekannt gewordene Vorschlag im Rahmen dessen, was die Stadt strategisch will.

bjb

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