"Verklärte Nacht" im Bibliothekssaal

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THERESIA WALDBURG, Landsberg – Unter dem Titel „Verklärte Nacht“ waren kürzlich zwei kammermusikalische Glanzstücke des späten 19. Jahrhunderts im Bibliothekssaal des Agrarbildungszentrums zu hören. Fünf junge Musiker des Philharmoni- schen Orchesters der Stadt Ulm führten gemeinsam mit dem Landsberger Cellisten Franz Lichtenstern die Sextette B-Dur, Opus 18 von Johannes Brahms und „Verklärte Nacht“ von Arnold Schönberg auf. Bis auf den allerletzten Platz war der Bibliothekssaal besetzt. Man habe das ganze Haus nach Stühlen abgesucht, damit auch alle Gäste noch einen Sitzplatz finden konnten, begrüßte Lichtenstern die Zuhörer. Er freue sich darüber, dass es in Landsberg eine große Nachfrage nach Kammermusik zu geben scheine – „obwohl wir Schönberg spielen“. Nimmt man den Duden zu Rate, weil unter dem Begriff „verklärt“ sich heutzutage niemand mehr so recht etwas vorstellen kann, so sind Synonyme wie „erhellen, leuchten lassen, glücklich machen“ zu finden. Beide Komponisten hatten offensichtlich nichts weniger im Sinn, als sie ihre Musik niederschrieben. Virtuos brachten die Interpreten in beiden Stücken diese Stimmungen zum Ausdruck. Sein Sextett in B-Dur schrieb Johannes Brahms 1860 im Alter von 27 Jahren. Es wird deshalb zu seinem Frühwerk gezählt. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte ihn der Detmolder Fürstenhof als Musiker. Große Freundschaft verband ihn damals mit der Tochter eines Professors der Göttinger Universität, für deren, wie es hieß, prächtige Sopranstimme er auch einige Lieder komponierte. Abgesehen von der allgemein romantischen Einstellung der intellektuellen Schichten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hat Brahms möglicherweise in diesem schwärmerischen Stück seiner intensiven Freundschaft zu der jungen Dame Ausdruck verleihen wollen. Den jugendlichen Schwung, den das Opus durchzieht, arbeitete die Interpretation der Musiker auf ganzer Ebene überzeugend heraus. Erste Violinistin Yuki Kojima hielt nachgerade Zwiesprache mit Cellist Andreas Haas. Unterstützt in ihrem Tun wurden sie von Christina Hauser-Gurski, Violine, und Franz Lichtenstern, Violoncello. Das tragende Element der beiden Violen, Sayuri Nakao und Katharina Kolb, rundeten das akustische Klangerlebnis sehr stimmig ab. Der Entwickler der Zwölftonmusik, Arnold Schönberg, war zwar ein verspäteter, aber doch noch Zeitgenosse Brahms’. Als musikalischer Autodidakt hatte er nach eigenen Angaben das Meiste durch das intensive Studium großer Kompositionen der damals zeitgenössischen Musik, darunter Brahms, aber auch der „Alten“ Bach und Mozart gelernt. In nur wenigen Wochen schrieb Schönberg, gerade 25 Jahre alt, während eines Ferienaufenthaltes mit seinem Kompositionslehrer Alexander von Zemlinsky, sein Opus nach einem Gedicht von Richard Dehmel. Zemlinskys Schwester Mathilde hatte es ihm wohl so angetan, dass er sie wenig später heiratete. Die Basis seiner „Verklärten Nacht“ ist die in Gedichtform gebrachte Geschichte einer jungen Frau, die ihrem gerade frisch gefundenen Geliebten gesteht, dass sie von einem anderen Mann schwanger ist. Ungeheuerlich daran ist, dass sie dieses Kind nicht aus Liebe empfangen, sondern sie das „Verlangen nach Lebensinhalt“ getrieben habe. Heute würde man diesen „One-Night-Stand“ im schlimmsten Fall eine Samenspende nennen. In der wilhelminischen Zeit jedoch galt eine solche Person als liederlich und schamlos, ihre „Karriere“ als „ehrbare“ Frau für vollkommen beendet. Die wahre Liebe ihres Geliebten wendet die Hoffnungslosigkeit aber zum Guten. Mit den Worten: „Du hast Glanz in mich gebracht“ nimmt er ihr die Angst davor, sie zu verlassen, und ihr Kind wie sein eigenes an. So wie Schönberg mit dunklen Disharmonien die Not und Hoffnungslosigkeit grandios in Szene setzt, so malt er mit freudigeren Tönen den glücklichen Ausgang der Liebesgeschichte aus. Das zarte Duett von Geige und Bratsche im Mittelteil ist sehr bewegend. Wie schon bei Brahms Sextett schafften es die Ulmer Musiker Schönbergs Intention ausdrucksstark umzusetzen. Kaum berühren die Bogen die Saiten von Bratsche und Violine, als die junge Frau ihre Liebe gesteht und sich dennoch gleichzeitig verdammt fühlt. Gespannte Stille herrscht im Saal, dessen Akustik wie für die Kammermusik geschaffen zu sein scheint, als die sechs Musiker am Ende des Stückes ihre Instrumente absenkten…

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