Das LTG 61 geht, das Geisterflugfeld kommt

Das LTG 61 verlässt endgültig den Fliegerhorst Landsberg.

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Ein Stück Geschichte: Der erste Flug der „silbernen Gams“ im Frühsommer 2017 vom Fliegerhorst Landsberg in Penzing.

Penzing – In zehn Tagen ist das Lufttransportgeschwader (LTG) 61 endgültig Geschichte: Das von Oberstleutnant Klaus Schierlinger geleitete Nachkommando beendet planmäßig seinen Dienst. Die „Abschleusung von Personal“ und die „Abgabe von Material“, wie es in der Verwaltungssprache der Luftwaffe heißt, sind beendet. Noch einmal kommt Wehmut auf. Und die Sorge, dass der in den Stillstandsmodus versetzte Fliegerhorst nun als Geisterflugfeld Entwicklungsfläche blockiert.

Das im Jahr 1957 gegründete LTG 61 war seit 1971 in Penzing ansässig und nutzte den Fliegerhorst von Beginn an mit damals brandneuen Transall-Maschinen. Von hier aus flog das Geschwader viele humanitäre Einsätze. Hauptziele waren Mauretanien und Mali (1971), die Sahel-Zone (1974), Norditalien (1976), Algerien und Süditalien (1980), Äthiopien und der Sudan (1985), Rumänien (1989), der Iran (1990), Somalia (1992), Ost-Bosnien (1993), Ruanda (1994), Bahrein (1995) und Griechenland (1999). Hinzu kamen Evakuierungen deutscher Staatsangehöriger, zum Beispiel 1989 aus Panama und 1997 aus Albanien.

1979 gliederte die Bundeswehr die erste Staffel des Hubschraubertransportgeschwaders 64 ins LTG 61 ein, womit der „Search and Rescue“-Dienst zum Geschwader hinzukam. Die Bell UH-1D wurden auch vom Ausland aus eingesetzt, beispielsweise 1999 in Mazedonien.

Mit zunehmender Übernahme von Mitverantwortung der Bundeswehr im Rahmen von internationalen Missionen kamen im Laufe der Zeit militärische Einsätze hinzu. 1991 absolvierten die Transall-Besatzungen Transportflüge im Rahmen des Golfkonflikts. 1995 unterstützte das LTG 61 das deutsche IFOR-Kontingent in Kroatien und wirkte am NATO-Shuttle Zagreb/Split mit. Beispiele für weitere Einsätze waren die Luftbrücke nach Sarajevo und die Unterstützung des deutschen SFOR-Kontingents sowie der KFOR-Truppen. Anfang der 2000er Jahre war das LTG 61 an der ‚African Mission in Sudan‘ beteiligt und unterstützte ISAF-Truppen in Usbekistan. Zuletzt war es in Mali im Einsatz.

Verfrühter Abzug

An viele dieser Einsätze erinnerten sich die aktiven und ehemaligen Soldaten bei der feierlichen Außerdienststellung des Geschwaders im Dezember 2017. Allerdings wurden auch zwei offene Fragen diskutiert.

Zum einen war absehbar, dass die Transalls noch längere Zeit gebraucht würden, da der Nachfolger A400M unter erheblichen Kinderkrankheiten litt. War es nicht verfrüht, die noch funktionsfähigen Transalls vom strategisch günstig gelegenen Fliegerhorst Landsberg in Penzing nach Hohn in Schleswig-Holstein abzuziehen? Die Flugzeiten in Richtung Süden verlängerten sich damit immerhin erheblich. In Frage gestellt wurde auch, ob es notwendig war, Bedienstete für die Restlaufzeit der Transall noch einmal quer durch die Republik zu schicken oder – aus Kostengründen – die Berufslaufbahn von Soldaten und zivilen Angestellten vorzeitig zu beenden.

Zum anderen bedauerten Politiker des Freistaats, des Landkreises und der Gemeinden, dass die Bundeswehr zwischenzeitlich der Mut verlassen hatte, den ab Ende 2018 militärisch verwaisten Fliegerhorst für eine zivile Nachnutzung freizugeben. Von dieser Freigabe waren alle Seiten ausgegangen, vor allem die Gemeinde Penzing und die Stadt Landsberg, auf deren Gebiet ein kleiner Teil des militärischen Areals liegt. Der letzte Kommodore des Geschwaders, Oberst Daniel Draken, zeigte Interessenten folgerichtig immer wieder das Gelände samt seiner denkmalgeschützten Hallen und Gebäude im Postbauschulstil. Die Gemeinde veranstaltete Klausurtagungen, kalkulierte, was die Ausübung des Vorkaufsrechts gegenüber der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BiMA) wohl kosten werde und beauftragte Gutachter mit einer Konzeptentwicklung.

Die Höchststrafe

Doch dann ließ die Bundeswehr Oberst Draken erklären, sie wolle den Fliegerhorst behalten und in einen Zustand der „Stillstandswartung“ versetzen. Das geschah offiziell wegen der politischen Großwetterlage in der Welt, die eher mehr als weniger Einsätze erwarten lässt.

Im Verteidigungsministerium kamen aber auch zunehmend Zweifel auf, ob es richtig sei, Standorte aufzugeben, an denen ohne jede Diskussion mit Gemeinden, Anliegern sowie Natur- und Umweltschützern von heute auf morgen wieder Flugzeuge starten und landen können.

Draken wusste selbst am besten, wovon da die Rede war: Die Lösung von Interessenkonflikten mit Trägern öffentlicher Belange und Bürgern in Sachen fliegerische Nutzung gehörte bei einer früheren Verwendung auch zu seinem Aufgabenbereich. Seine Mitteilung, die bis heute gültig ist, war nachvollziehbar, stellte für Penzing und Landsberg aber keine gute Nachricht dar. Wenn aus einem Fliegerhorst mit bis zu 900 Mitarbeitern eine Brache ohne Wertschöpfung wird, ist das die Höchststrafe für eine Kommune.

Auch im bayerischen Wirtschaftsministerium ist man darüber nicht erfreut: „Wir brauchen Entwicklungsfläche für Unternehmen und keine Geisterflugfelder“ hört man von dort. Ein Gelände mit Start- und Landebahn sowie einer Bahnanbindung sei geradezu ideal für Industrieansiedlungen.

Allerdings hat die Gemeinde Penzing frühzeitig ausgeschlossen, dass auf dem Flugplatz künftig Flugbetrieb herrschen soll. Ihr schwebt ein Projekt für Mehrgenerationenwohnen sowie ein ADAC-Testzentrum für E-Mobilität vor; der ADAC nutzt das Areal bereits für Probefahrten.

Mit der Benennung dieser doch eher unspektakulären Nutzungen geht es der Gemeinde Penzing allerdings wohl auch darum, den von der BiMA verlangten Kaufpreis niedrig zu halten. Bekannt wurde inzwischen, dass auch ein großes Unternehmen an der Fläche interessiert ist, wenn denn die Start- und Landebahn gelegentlich genutzt werden kann. 

Werner Lauff

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