Also ich seh‘ das anders

Künstlergilde Landsberg zum Thema „Ansichtssache“ in der Säulenhalle 

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Ein Blick durch den „High Heel“ von Katinka Schneweis – ihre Sicht der Dinge. Die Vernissage zur Themenausstellung „Ansichtssache“ der Künstlergilde am Samstag war gut besucht.

Landsberg – Fast sieht es aus wie eines dieser Kreide-Strichmännchen. Allerdings hat es einen gespaltenen Kopf. Hörnchen. Und unten, ja, das könnten Bocksfüßchen sein. Der Titel: „Künstlerporträt“. Das Bild hängt in der aktuellen Themenausstellung der Künstlergilde Landsberg-Lech-Ammersee in der Säulenhalle. Gemalt hat es Katinka Schneweis. Welchen Künstler hat sie da wohl porträtiert? Oder ist es der Teufel, porträtiert von einem Künstler? Vielleicht gar ein Selbstporträt? Das muss allein der Betrachter beurteilen. Nicht umsonst heißt die Ausstellung „Ansichtssache.“

Zu diesem Thema stellen 30 Künstler aus. Skulpturen als dreidimensionale Ansichtssachen, Bilder und Fotografien in zwei Dimensionen, die nur eine Ansicht bieten. Zum Beispiel Meike von Arndts Skulptur „L’âme touchée“, die getroffene Seele. Ein kopfloser weiblicher Körper, ein Spalt reicht bis zum Bauchnabel. Und da, wo das Sonnengeflecht sitzt, findet eine glänzende Kugel ihren Platz. Vielleicht ist die Seele nicht getroffen, sondern nur berührt? Daneben Schneweis‘ „High Heel“: ein Stöckelschuh in Alu eingepackt, darüber ein märchenhaft schwebendes Drahtgewirr. Schwer, da reinzuschlüpfen. Aschenputtel hätte seine Probleme gehabt.

Nach „Alternativlos“ in 2017 ist „Ansichtssache“ erst die zweite Themenausstellung der Gildemitglieder. Ein neues Konzept? „Wir sind ein alter Verein“, gibt die erste Vorsitzende des 1934 gegründeten Vereins Petra Ruffing zu bedenken. „Und der lebt durch Erneuerung.“ Eine Themenausstellung sei immer wieder spannend, da sie die Unterschiedlichkeit der Vereinsmitglieder zeige: Wer deutet das Motto wie? Generell stellten sich bei diesem Thema die wichtigen Fragen: „Was ist Kunst? Und was soll sie? Soll sie provozieren, aktuelle Themen aufgreifen?“ Ansichtssache. Auf jeden Fall biete sich „viel Raum für interessante Diskussionen“.

Vielleicht zeigt Kunst ja „nur“ eine Lesart der Welt. Zum Beispiel bei Gislinde Schröters Materialmontagen aus Fundgegenständen. Ihr „Cherub“ scheint feist zu grinsen: der Bauch eine gewölbte Mondsichel, haarfeiner Bronzedraht zu Flügeln gebauscht. Am Kopf ein einzelner Draht – das letzte gelockte Engelshaar? Arrangements aus Altem sind auch bei Walter Friesenegger zu finden. Ein „Familycasting“, Vater, Mutter, zwei Kinder, die sich für Rollen bewerben – alle bestehend aus alten Farbdosen, der Dosenmantel wird aufgeschnitten und ausgerollt zum Körper, die mit Farbe verschmierten Deckel zu Köpfen. Zwei Künstler, ein Prinzip: alten Dingen neue Bedeutung einhauchen. Eine neue Sicht des Bestehenden.

Kulturbürgermeister Axel Flörke weist in seiner Einführung auf die unterschiedlichen Bedeutungen einer Ansichtssache hin. Die Wörtliche: eine „Sache zum Ansehen“ – eben die ausgestellten Werke. Auch, dass eine Skulptur mehrere Ansichten biete, die Rundumsicht, die Frontalsicht, von oben. Ein Bild offeriere hingegen nur eine Sicht. Aber natürlich verstehe man „Ansichtssache“ auch anders: etwas unterschiedlich sehen, bewerten, beurteilen. Ein Aspekt, der auf Kunst besonders zutrifft: Denn sie lebt erst durch den Betrachter. Erst in der Ansicht durch einen Betrachter entwickelt sie Bedeutung – für jeden eine ganz individuelle. So weist Flörke auch auf Volker Kurz‘ Ölbild „Adonis?“ hin, ein Dilemma aus Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung durch andere. Es zeigt einen Muskelprotz, objektiv sicher nicht ästhetisch, aber strotzend vor Selbstvertrauen. Ein Adonis? Er selbst ist offensichtlich davon bis in die letzte Faser seines bulligen Körpers überzeugt. Aber macht ihn das zum Adonis? Ansichtssache. Kommt eben ganz darauf an, welchen Standpunkt man wählt. Denn was ist schon objektiv.

Nicht alle, aber die Mehrzahl der ausstellenden Künstler der Künstlergilde Landsberg

Ein Stück der Ausstellung wirkt fast wie keins. Ein alter Tisch samt Stuhl neben einer der Säulen. Auf dem Tisch stehen des Öfteren leere Gläser der Ausstellungsbesucher, manch einer nutzt den Stuhl zur Erholung der festgestandenen Beine. Integrierte Kunst. Auf dem Tisch liegt ein alter Mehlscheffel, an dem mit einer Schnur ein Schlüssel hängt. Daneben eine Lesebrille und ein Buch mit Farbdrucken, die Ansichten eines scheinbar verlassenen Hauses zeigen. Manch einer mag das Buch im ersten Moment für das Gästebuch der Ausstellung halten. Weit gefehlt. Denn das Arrangement ist Kunst, Matti Bauers „Stimmen aus dem Staub“. „Ich liebe alte Gemäuer“, sagt der Künstler zu dem Werk. Das Haus hat er auf einer Reise gefunden. Im Inneren habe er lange gedacht, es sei unbewohnt. Aber dann stand da dieses Fernglas am Fenster. „Und in der Küche lagen Brille und Schlüssel. Vielleicht ist ja doch noch jemand drin?“ Sein Arrangement zeigt sozusagen den „Wendepunkt“: Als in der Ansicht des Besuchers aus einer verlassenen Hausruine die Unterkunft eines geheimnisvollen Bewohners wurde.

Es gibt noch mehr zu sehen in der Säulenhalle: Gerhard Heitzers geometrische Herbstbilder: Er ist der Ansicht, die Farbe mache die Jahreszeit, nicht die Form. „Mysteria“, tosende Wellen in Grau-Weiß-Schwarz von Andrea Reiners, ein Meer aus Acryl, das sich bei näherer Ansicht als Konglomerat körniger Farbpigmente entpuppt. Oder auch Christiane Herr-Tropps Kinderporträts: Hannah und Julius, arrangiert wie auf einem Foto vor grünem Hintergrund, akkurate Abbilder der Wirklichkeit. Aber sehen die Kinder wirklich so aus, zeigen sie die Kinder? Oder sind es eben doch Ansichten von ihnen?

Wer sich mit den verschiedenen Ansichten der Künstlergilde-Künstler auseinandersetzen oder auch nur ihnen aussetzen möchte, hat dazu (außer am heutigen Montag) noch bis zum Sonntag immer zwischen 15 und 19 Uhr Zeit.

ks

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